Archiv für Denk mal wieder

Wachwechsel – eine Hommage an die LehrmeisterInnen dieser Welt

image by contagiousbasti via pixabayDies ist ein spezieller Dienstag. Heute wird mein ehemaliger Professor Hans Wilderotter in den Ruhestand verabschiedet und damit geht gewissermaßen eine Ära zu Ende. Ich könnte jetzt eine wehmütige Rückschau halten, denn damals, als ich 1998 das Studium der Museumskunde aufnahm, war der Studiengang noch recht jung, gerade erst hatten die ersten Diplom-Museologinnen und -Museologen die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin verlassen. Vieles war noch im Experimentierstadium und leicht könnte ich in eine verklärte Betrachtung der guten alten Studienzeit verfallen, die vermutlich ebenso wenig mit der Realität zu tun hat wie alle anderen guten, alten Schul-, Nachkriegs- oder sonstigen –zeiten.

Dennoch gibt es einige Dinge, die ich aus meinem Studium mitgenommen habe, jenseits der fachlichen Ausbildung. Die Fakten sind nur ein kleiner Teil des Lerninhalts, egal, ob Schule, Universität oder Arbeitsstelle. Viel mehr prägt die Persönlichkeit des oder der Lehrenden diejenigen, die von ihm oder ihr lernen. In leichter Abwandlung zu Karl Valentin könnte man sagen: „Menschen unterrichten bringt gar nix, sie machen einem eh alles nach.“ Unwillkürlich übernimmt man Eigenheiten und Ausdrucksweisen, übernimmt eine gewisse Sicht auf die Dinge oder auch die Herangehensweise bei Problemen. Und wenn etwas von diesen übernommenen Strategien zum Erfolg führt, dann würde man das nur allzu gerne der eigenen Klugheit und Lebenserfahrung zuschreiben. Wenn man aber ganz ehrlich ist, dann schimmert da ein Lehrmeister oder eine Lehrmeisterin durch. Bei dem einen „müllert“ oder „meiert“ es dann, bei mir „einholzt“ oder „wilderottert“ es.

Was das im Detail ist, das sei hier nicht verraten. Aber ich möchte an dieser Stelle einmal „Danke!“ sagen. Zunächst natürlich persönlich an Prof. Sibylle Einholz, die letztes Jahr in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, und an Prof. Wilderotter. Dann aber auch an all diejenigen weltweit, die die Aufgabe übernommen haben, Menschen zu unterrichten und die diesen Job mit Leidenschaft machen. Das sind nicht nur Professoren. Es sind auch Lehrer, Ausbilder, Meister oder auch einfach Arbeitskollegen, die ihr Wissen weitergeben. Was Sie von anderen unterscheidet ist die Begeisterung und Leidenschaft sowohl für Ihr Fachgebiet als auch für die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten. Wie sehr das Ihre Schüler prägt, werden die eventuell erst sehr viel später merken und Sie werden es vielleicht nie erfahren.

Ganz konkret wünsche ich denjenigen, die nun in die Professoren-Fußstapfen im Studiengang Museumskunde treten den gleichen Enthusiasmus und Mut, die gleiche Energie und Experimentierfreude aber auch die Ausgeglichenheit und das Durchhaltevermögen Ihrer Vorgänger.

Und natürlich wünsche ich allen Professoren, Studierenden, Ehemaligen und sonstigen Teilnehmern heute Abend eine schöne Feier!

Angela Kipp

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Digitale Medien, Universitätsdidaktik und kultureller Kannibalismus: Überlegungen von einer lateinamerikanischen Professorin im Exil

January 2013

„Wenn Du die Antwort nicht weißt, diskutiere die Frage“ (Clifford Geertz)

Im anthropologischen Sprachverständnis ist der „Eingeborene“ das lokale Wesen, das zu diesem Land gehört und der der erste Bewohner dieses Platzes war, wohingegen der „Einwanderer“ der Fremde oder Ausländer ist, der von außen kommt und den Platz des Eingeborenen einnimmt und sein Gebiet besetzt. Es ist wie in einem Cowboy-und-Indianer-Film aus Holywood, in dem der Indianer von Elvis Presley gespielt wird und seine indigene Mutter von einer Südamerikanerin wie Dolores de los Rios!

Es ist interessant, festzustellen, dass die Sprache der Cyberkultur oder des Cyberspace die vergegenständlichten Konzepte der westlichen Kultur in Hinblick auf Kolonialismus und Imperialismus anwendet: in diesem neuen Cyberkontext ist der „Eingeborene“ der, der innerhalb der digitalen Ordnung geboren wurde und dementsprechend auf der Grundlage dieser Logik seine Schlüsse zieht, während der „Einwanderer“ aus seiner buchzentrierten Mittelalter/Rennaissance-Kultur in die Cyberkultur hinein vertrieben wird, immer noch mit dem einen Fuß in dieser, mit dem anderen in jener Kultur.

Was wird aus dieser Kultur im Cyberspace, besonders, wenn man an die große Zahl sowohl grammatikalischer als auch digitaler Analphabeten in Lateinamerika denkt? Néstor García Canclini untersucht, in Büchern wie Diferentes, Desiguais e Desconectados, Editora UFRJ, 2005, die Widersprüche der südamerikanischen indigenen Bevölkerung, die das Internet nutzt, ohne überhaupt Lesen und Schreiben gelernt zu haben! Als Anthropologin und Lehrerin scheint mir das eine relevante Frage zu sein, die diskutiert werden sollte: wie kommt man in die digitale Ära von globalen oder internationalen Charakter, ohne den regionalen Bezug der brasilianischen Kultur zu verlieren, hier bin ich inspiriert von der Haltung von Oswald Andrade zum „kulturellen Kannibalismus“?

Als eine Art, meine Studenten darin zu schulen, eine kritische Haltung zu entwickeln – das Ziel jeder Hochschulbildung – habe ich ein Produkt der visuellen Gestaltung in der Kunsterziehung entwickelt, in dem ich auf die Wichtigkeit hinweise, die Cyberkultur auf eine kritische Art und Weise zu verschlingen und sie zurück-verändert wiederzugeben, einer lokalen „einheimischen“ Sprache gemäß. Mir scheint es, als ob diese bemerkenswerte Frage nie betont wird, wenn über Cyberkultur gesprochen wird: Könnte es möglich sein, dass alle kulturellen Statuten die hier auf scheinbar demokratischem Wege aufgestellt werden, die selbe sozioökonomische Vorherrschaft ergeben, wenn man sie einfach schluckt?

Wenn dem so ist, wie kann es mit den Studenten gelingen, einen Zusammenhang mit dem „kritischen Kannibalismus“ herzustellen? Wie kann man in ihnen ein ästhetisches Gespür (im platonishcen Sinne) für Konzepte wecken? Wie kann man sie lehren, die Spreu vom Weizen zu trennen in einem Wust von digitalem Medienchaos, das unweigerlich durchzogen ist von der kapitalistischen, imperialistischen und kolonialistischen Logik der Europäischen und Nordamerikanischen Ersten Welt?

Philosophische und humanistische Fragen erster Ordnung, Gefährten: ist es möglich, dass das, was ein typischer „digitaler Eingeborener“ denkt, relevant, angemessen, politisch und ethisch korrekt ist und kann es die Welt zum besseren verändern? Oder, immer noch wichtiger, was ist der wahre didaktische Beitrag, den das profunde Wissen eines Lehrers im Vergleich zu dem Übermaß an unterschwellig transportierten Informationen durch die digitalen Medien in der heutigen Welt leisten kann?

Prof. Dr. Dinah Papi Guimaraens – Professor für Architektur und Städtebau an der Universidade Federal Fluminense und ist Direktorin und Mitbegründerin des Museu de Arte e Origens, NYC (promovierte über das Postgraduiertenprogramm in Social Anthropology -Museu Nacional- UFRJ und New York University – Museum Studies Program /Fullbright Scholar; PhD, Department of Anthropology, University of New Mexico, USA)
Translated by Araceli Galán

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