Haushaltsgeräte, Möbel und darüber hinaus – Technische Objekte erfassen

Wenn man als Registrar arbeitet, hält man es oft für selbstverständlich, dass man weiß, was Registrare in anderen Museen tun. Wenn man sich dann aber mit den Kollegen unterhält, stellt man oft fest, dass manche Dinge gleich sind, aber andere sehr verschieden. Als Fernando uns erzählte, dass er einen Artikel über die Erfassung zeitgenössischer Kunst vorbereitet, nahmen wir die Herausforderung an, einen Artikel über die Erfassung von technischen Objekten zu schreiben. Also, wenn Sie normalerweise mit Kunst zu tun haben: lassen Sie sich von uns in das Wunderland der Technik entführen. Wenn Sie mit Technik befasst sind: schauen Sie uns über die Schulter und sagen Sie Bescheid, wenn wir etwas wichtiges vergessen haben sollten.
 
Technische Objekte erfassen: Ein oberflächlicher Blick

Blaupunkt (picture)

Blaupunkt Florida von 1954/55 (Bild: Eckhard Etzold)


Wenn Sie ein Kunstwerk erfassen, dann haben Sie normalerweise einen Künstler und ein Jahr, in dem es geschaffen worden ist. Sie können es erfassen und die technischen Daten auf klassische Weise angeben: Öl auf Leinwand, Aquarell, Lithographie… Die meisten Dinge können einfach mit bloßem Auge gesehen werden, vorausgesetzt, man hat das entsprechende Wissen und die entsprechende Ausbildung in Kunstgeschichte und in den künstlerischen Techniken – und beim Erwerb des Kunstwerkes ist alles nach Vorschrift verlaufen. Zugegeben, wenn hier etwas schiefgegangen ist und man nicht weiß, wer das Bild gemalt hat, kann es knifflig werden. Dann muss man seine ganzen Kunsthistoriker- und Registrarsinne zusammen nehmen und anfangen, zu forschen.

Wenn Sie technische Objekte erfassen, ist das erst der Anfang. Lassen Sie uns ein einfaches, altes Radio nehmen. Es hat einen Hersteller und wenn Sie Glück haben, steht der auf dem Gerät. Es hat vielleicht ein Typenschild mit weiteren Angaben. Wenn Sie Glück haben, steht da sogar das Baujahr drauf. Aber das ist nicht allzu oft der Fall. Also ziehen Sie los und suchen nach alten Radiokatalogen, um diesen Typ Radio zu finden. Wenn Sie eine gute Bibliothek mit alten Versandhauskatalogen und Katalogen für Radiohändler haben, haben Sie eine gute Chance, das Baujahr oder, wahrscheinlicher, die Baujahre herauszufinden.

Wenn Sie keinen Hersteller und kein Typenschild haben, was nicht ganz unüblich ist, sind die Kataloge auch ein guter Ausgangspunkt für die Recherche. Natürlich sollte man eine Vorstellung haben, aus welcher Zeit das Radio ungefähr stammt, sonst wühlt man sich durch Jahrzehnte an Katalogen. Hier kommt wieder die künstlerische Seite zum Tragen. Man kann aufgrund des Designs eine grobe Schätzung vornehmen. Aber das kann einen auch in die Irre führen.

Braun SK2 von 1960 (Bild: Nite_Owl)

Braun Kleinsuper SK2 gleich gebaut zwischen 1955 und 1960 (Bild: Nite_Owl)

Ein Beispiel: Der Hersteller BRAUN entwickelte schon ab 1955 ein unglaublich klares und funktionales Design, inspiriert von der Bauhausbewegung, in Teilen von Professoren und Studenten der berühmten Ulmer Schule mitentwickelt. Wenn Sie sich einige Radios aus dieser Zeit ansehen, könnten Sie schwören, dass sie tief in den 1960er Jahren gebaut wurden. Zur selben Zeit setzten Hersteller wie Grundig noch auf Radios, die ein wenig an Neo-Barock erinnern (obwohl man, wenn man sich Brauns SK61 http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Braun-Sk61.jpg und Grundigs SO271 http://www.radiomuseum.org/r/grundig_so271_barock.html ansieht, die beide 1961 gebaut wurden, nur schwer der Versuchung wiederstehen kann, den letzteren unter „Monstrosität“ zu verschlagworten).

Also, was kommt nun in die Datenbank? Als erstes der Hersteller und dann, in einigen seltenen Fällen, wo man es herausfindet, der Designer. Also genau umgekehrt wie in der Kunst, wo man normalerweise den Künstler kennt und in einigen wenigen Fällen einen Hersteller, normalerweise den Drucker.

Um bei der Datierung zu bleiben: Da der Blick aufs Design uns auf den Holzweg führen kann, ist es sicherer bei der Technik zu bleiben. Sie gibt uns hervorragende Hinweise, um in der richtigen Dekade zu bleiben. Manche Herstellungstechniken sind arbeitsintensiv und weisen uns auf frühe Zeiträume hin: Nieten ist zum Beispiel arbeitsintensiver als Punktschweißen. In Kriegszeiten herrscht Mangelwirtschaft und das schlägt sich in den verwendeten Materialien nieder: die Notwendigkeit, einheimische Materialien zu verwenden und generell Material zu sparen, wo immer es möglich ist, lässt sich meist ablesen. Wo wir gerade von Materialien sprechen: sie geben uns auch Hinweise für die Datierung. Kunststoffe wurden über die letzten hundert Jahre entwickelt und werden immer noch weiter verbessert. Ebenso Produktionsprozesse, die man am Objekt nachverfolgen kann: so hinterlässt Spritzgießen zum Beispiel Spuren der Auswerferstifte am spritzgegossenen Formteil. Also, das Wissen um Materialien und Technik hilft uns bei der Datierung sehr.

Als nächstes möchten Sie herausfinden, wo das Radio hergestellt wurde. Das bedeutet eine weitere Recherche. Ziemlich sicher werden Sie herausfinden, wo der Hersteller seinen Hauptfirmensitz hat, aber das ist nicht notwendigerweise der Ort, an dem das Radio hergestellt wurde. Große Konzerne haben meist im ganzen Land Standorte, wenn nicht gar auf der ganzen Welt. Einige produzieren unter Umständen das baugleiche Radio an verschiedenen Standorten. Einige Hersteller kooperieren mit anderen, so dass das Modell zwar in der Fabrik des einen hergestellt wird, aber den Namen des anderen Herstellers trägt. Viel zu erfassen…

 
Nichts leichter als das: die Abmessungen
Um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, messen wir das Radio jetzt aus. Das ist einfach. Höhe, Länge, Tiefe. Aber Moment! Was ist mit dem Kabel? Es ragt aus der Silhouette hervor. Wenn wir nur das Gehäuse abmessen, wird jeder Vitrinenbauer in Schwierigkeiten kommen, weil er nicht wusste, dass er Platz für das Kabel einplanen muss. Wenn wir die Maximalmaße mit samt dem Kabel ausgelegt in alle Richtungen nehmen, bekommen wir absolut lächerliche Abmessungen. Wenn wir das Kabel hinter dem Gehäuse einrollen und dieses Maß zu der Tiefe dazurechnen? Tja… vielleicht misst dann jemand das Gehäuse nach und kommt zu dem Schluss, dass das nicht das Radio sein kann, nach dem er sucht, da die Daten voneinander abweichen.

Die beste Lösung für dieses Problem – das schon Generationen von Ausstellungsmachern wahnsinnig gemacht hat – ist es, manche Abmessungen mit einem entsprechenden Hinweis zu versehen. Zum Beispiel „Gehäuse“, „Kabellänge“, „im geschlossenen Zustand“ oder „mit geöffnetem Deckel“.

 
Technische Daten: Das Innenleben
Was ist mit technischen Daten? Im Feld der klassischen Kunst kann man das meistens einfach halten und bringt es dabei trotzdem auf den Punkt. „Öl auf Leinwand“ enthält zum Beispiel alle technischen Informationen, die man gemeinhin braucht. Man weiß, was einen aus technischer Sicht erwartet, ohne das Bild vorher gesehen zu haben. Als erfahrener Registrar kann man sogar einen ganzen Katalog von benötigten Lagerbedingungen herunterbeten, ohne viel darüber nachdenken zu müssen.

Was sind die technischen Daten eines alten Radios? Die Materialien sind Holz, Metall, Glas und wahrscheinlich auch Kunststoff. Über dem Lautsprecher mag eine Textilbespannung sein. Und das ist nur die Außenseite. Wenn man die Rückwand abnimmt, findet man Röhren, Widerstände, Kondensatoren, Spulen und Kabel. Also erweitert sich die Materialliste auf Pappe, Blei, Teer, Wachs, verschiedene Klebstoffe und verschiedene synthetische Materialien, über die man lieber gar nicht so detailliert nachdenken möchte (zum Beispiel Pertinax, ein Faserverbundwerkstoff aus Papier und Phenol-Formaldehyd-Kunstharz). In den Kondensatoren sind sogar noch Elektrolyte, so dass unser Augenmerk auch noch Flüssigkeiten gelten muss.

Open backside of a Philco PT-44 Transitone from 1940/41. Can you name all the materials you see?

Geöffnete Rückseite eines Philco PT-44 Transitone von 1940/41. Können Sie alle Materialien nennen, die Sie sehen?

Was sind die idealen Lagerbedingungen für so einen Materialmix? Tja, was ich Ihnen flüstern kann ist, dass es keine idealen Lagerungsbedingungen für so etwas gibt. Man kann nur versuchen, das Klima einigermaßen stabil zu halten, aber man reißt mit Sicherheit die Messlatte für einzelne Materialien.
Und was ist nun mit der Herstellungstechnik? Holz wird gesägt und gefügt, Glas wird geblasen, Metall wird gestanzt, gebogen, gewalzt, gedrückt, geschweißt, punktgeschweißt, genietet, gelötet, geschraubt… Sind Sie noch da?

Wenn Sie also detailfixiert sind wie die meisten Registrare, dann haben Sie jede Menge zu erfassen. Ziehen Sie auch in Betracht, dass jede Röhre ihren eigenen Hersteller, ihr eigenes Baujahr, ihren eigenen Zweck (Verstärkerröhre, Gleichrichterröhre) und eigene technische Daten (Spannung, Leistung) hat, was sie von anderen Bauteilen unterscheidet, die auf den ersten Blick gleich aussehen mögen.

Und das ist jetzt nur ein einfaches Radio! Sie haben keine beweglichen Teile wie kleine Elektromotoren oder Antriebsriemen, die sie in einem Kassettenrekorder finden. Und das ist noch ganz weit weg von der Menge an Komponenten, aus denen ein Auto besteht.

 
Über die technischen Daten hinaus: der Kontext
Menschen nutzen Technik um ihre Umwelt zu formen. Und umgekehrt formt Technik den Menschen. Sie glauben uns nicht? Sehen Sie sich einfach mal Menschen an einer Bushaltestelle an und versuchen Sie sich das gleiche Bild vor 10 Jahren in Erinnerung zu rufen. Damals lasen die Leute Zeitungen oder Bücher oder sie starrten einfach vor sich hin, beobachteten ihre Umwelt und ließen das Leben an sich vorbeiziehen. Heutzutage starren die Menschen auf ihr Smartphone. Technik prägt unser Verhalten und das ist so, seit der erste Mensch entdeckte, dass man einen Stein als Werkzeug verwenden kann.

Um auf das Radio zurückzukommen: dieses Gerät hat das Leben der Menschen verändert. Vor dieser Erfindung erfuhr man die Neuigkeiten aus der Zeitung, etwa einen Tag nachdem sie passiert waren. Mit dem Radio erfuhr man Neuigkeiten nur Minuten oder Stunden, nachdem sie passiert waren. Als das Radio kam, war das eine Sensation. Es gab nur wenige Sendungen, nicht die Rundumversorgung, wie wir sie heute gewöhnt sind. Wenn eine Sendung kam, scharte sich oft die ganze Familie um das Radio – in den Anfangszeiten noch jeder mit dem eigenen Kopfhörer.

800px-StateLibQld_1_115508_Young_child_listening_to_a_radio,_1920-1930

Kleinkind beim Radiohören, 1920-1930 (Foto ist Eigentum der John Oxley Library, State Library of Queensland.)

Fertige Radios gab es kaum zu kaufen und wenn, waren sie sehr teuer. Also fingen die Menschen an, sich selbst Radios zu bauen. Selbstbau war ein weit verbreitetes Hobby. Die Radiohersteller zogen rasch nach und schon in den späten 1920er Jahren gab es unter deutschen Radioherstellern den Plan, gemeinsam ein erschwingliches Radio zu produzieren. Die Produktionskosten ließen sich dadurch senken, dass man die einzelnen Teile weitestgehend standardisierte. Der “Volksempfänger” VE 301 war also nicht Hitlers Idee, wie es oft propagiert wird.

Nach dem Krieg änderte sich die Rolle des Radios. Man arbeitete verstärkt daran, das Radio transportabel zu machen, was mit der Entwicklung der Transistoren, die die Röhren ersetzten, auch gelang. Als das Fernsehen aufkam, verdrängte es das Radio aus dem Zentrum der abendlichen Familienaktivität. Radiohören wurde zu einer Nebentätigkeit, etwas, was man neben einer wichtigeren Beschäftigung wie Kochen, Bügeln oder Auto fahren machte. So nutzen wir das Radio noch heute – wobei, nicht ganz.

Mit dem Internetradio ist es gelungen, dass man nun auch Stationen hören kann, die sich jenseits der eigenen Antenne befinden. Es war schon in den frühesten Zeiten der Radionutzung möglich, auf Kurzwelle Stationen aus der ganzen Welt zu empfangen. Aber damals war es noch nötig, dass man die damit verbundene Technik verstand. Das richtige Gerät, die richtige Antennenlänge, Ausbreitungsbedingungen… Heutzutage schaltet man einfach das kleine WLAN-Radio an, klickt sich durch die Stationsliste und kann Country aus dem Mittleren Weste, Samba und Bossa Nova aus Brasilien oder Volksmusik aus der Mongolei hören. Sie brauchen nicht zu wissen, wie es technisch funktioniert, Sie müssen nur wissen, wie man das Gerät bedient (zugegeben, manche Menüführungen sind so kompliziert, dass man sich wünscht, es wäre so einfach und logisch wie die Berechnung eines Dipols).

Wie hilft uns das bei der Erfassung unseres Radios? Naja, wenn Sie die Entwicklungsgeschichte im Hinterkopf haben, wird es einfacher, die Spuren, die sie am Radio finden richtig zu deuten.

Unter Umständen kann man die Geschichte eines gewöhnlichen Haushaltgerätes nachzeichnen: Während es vielleicht zu Beginn im Zentrum der Familie stand, weisen Schichten von Bratenfett vermischt mit Staub darauf hin, dass es zum Küchenradio degradiert wurde. Vielleicht, weil ein neueres und besseres Modell angeschafft wurde oder ein Fernseher ins Haus kam. Glasabdrücke auf der Oberseite zeigen, dass es oft zum Abstellen von Trinkgläsern genutzt wurde, also an einem Ort im Haus stand, der dazu einlud, vielleicht im Jugendzimmer eines Teenagers? Unter Umständen entdeckt man, dass es jemand mit dekorativer Klebefolie überzogen hat, um ihm in den 1970er Jahren ein jugendlicheres Aussehen zu geben. Oder man hat die Oberfläche abgeschliffen und weiß angemalt, damit es besser zur modernen Wohnzimmereinrichtung passt. Man kann Spuren von Restaurierungsversuchen finden, als das Radio Sammlerwert erreichte. Vielleicht sieht es aber auch aus wie Frisch aus der Fabrik, weil es über Jahrzehnte in hohen Ehren gehalten wurde.

Header of the category "What wiring do I chose to build?" of the popular German monthly journal "Radio Amateur" (taken from the issue 12/1928)

Selbstgebaute Radios waren in der Frühzeit durchaus üblich, ebenso wie das Wissen über die zugrundeliegende Technik. Titelbild der Rubrik „Nach welcher Schaltung baue ich?“ der deutschen Monatszeitschrift „Radio Amateur“ (hier aus der Ausgabe 12/1928)

Wenn man die Rückseite öffnet, findet man vielleicht Veränderungen zur ursprünglichen Schaltung. Vielleicht vorgenommen, um andere Frequenzen als die zu hören, für die das Radio ursprünglich ausgelegt war. Vielleicht nur, weil der ursprüngliche Besitzer eine andere zulässige Frequenz hören wollte, vielleicht aber auch, um “verbotene” Stationen zu hören (zum Beispiel Feindsender zu Kriegszeiten). Vielleicht findet man auch einen Umbau im Chassis, um andere als die ursprünglich vorgesehenen Röhren verwenden zu können, zum Beispiel weil die ursprünglichen Röhren nicht mehr hergestellt wurden oder andere günstiger zu haben waren.

Es liegt in Ihrer Verantwortung als Registrar solche Spuren lesen zu können und als guter Ermittler zu fungieren. Bloße Vermutungen kennzeichnen Sie zum Beispiel als solche. Sie können eventuell verifiziert werden, indem Sie beim Spender nachfragen, an was er oder sie sich im Zusammenhang mit diesem Objekt erinnert. Wenn Sie Glück haben, gibt es sogar noch zusätzliche Dokumente: Die Originalrechnung, die Lizenz für das Gerät oder ein Bild des stolzen Besitzers. Diese Dokumente müssen selbstredend gut archiviert und in der Datenbank mit dem Datensatz des Radios verknüpft werden. Wenn Sie zusätzliche Hinweise und Geschichten vom Spender erhalten, müssen die selbstverständlich auch dokumentiert werden.

Das Radio ist Teil der Menschheitsgeschichte. Vielleicht nur ein sehr kleiner Teil, aber als Bewahrer unseres kulturellen Erbes sind wir dafür verantwortlich, wichtige Informationen zusammenzuhalten.

 
Wie tief soll Erfassung sein?
Wenn Sie bis hier hin gelesen haben fühlen Sie sich sicher mit Informationen und Dingen, die erfasst werden sollten, überrollt. Alle scheinen sie wichtig zu sein, weil sie Zusammenhänge herstellen, nicht nur für das spezifische Objekt, sondern auch für allgemeine Radiogeschichte. Ihre Beobachtungen können tatsächlich hilfreich sein, um Thesen von Historikern zu verifizieren oder falsifizieren.

The perfect way to store technological objects? Certainly not! (picture: Philip (flip) Kromer from Austin, TX)

Die perfekte Art, technische Sammlungen zu lagern? Sicherlich nicht! Aber viele Leute glauben immer noch, dass es so in den Depots von Technikmuseen aussieht… (Bild: Philip (flip) Kromer from Austin, TX)

Aber in der Realität können wir kaum so viel Zeit in ein einzelnes Objekt investieren. Wir müssen Entscheidungen darüber treffen, was wir erfassen und was nicht. Das gilt besonders, da wir Registrare in Technikmuseen schwer an Altlasten zu tragen haben: Jahrelang war es gelebte Praxis, technische Objekte so zu sammeln, wie man einen Schrottplatz verwaltet: man sammelt sie einfach und stapelt sie in einer Industriehalle, ohne sie zu dokumentieren. Himmel, es sind einfach nur industrielle Massengüter, die kann man in der Zukunft immer noch erfassen, richtig? Tja, wir wissen alle, dass das nicht richtig war, dass wir Informationen verloren haben, weil sie unseren Vorgängern egal waren. Deshalb ist es Teil unserer Arbeit zu recherchieren und zu forschen, damit manche Objekte in unseren Sammlungen ihre Geschichte zurück bekommen.

Also müssen wir uns aber auch bei der Erfassung von einzelnen Objekten beschränken, um mehr für die gesamte Sammlung tun zu können. Irgendwann wird das Autorenteam einmal etwas darüber schreiben, wie man bei der Sammlungsverwaltung eine „Triage“ vornimmt, um so vielen Objekten wie möglich eine erfassungstechnische und bestandserhaltende Erstversorgung zukommen zu lassen.

TV storage gone wrong? Nope, we are back in the arts sphere: That's "idiot boxes" by Nam Jun Paik (picture: Artiii)

Falsche Lagerung von Fernsehgeräten? Nein, wir sind zurück in der Kunstszene: Das ist „Sensory Overload“ von Nam Jun Paik (Bild: Arti Sandhu)

Wie tief man in die Erfassung eines einzelnen Objekts einsteigt, ist immer eine Einzelfallentscheidung. Für die meisten Ausstellungen und Ausleihen genügen die einfachen technischen Daten, die gemessen und vom Typenschild abgeschrieben werden können, zusammen mit einer groben Schätzung des Herstellungszeitraums. Es gibt spezielle Forschungs- und Ausstellungsprojekte, die eine genauere und tiefergehende Dokumentation erfordern. Aber da kann man dann wiederum Synergieeffekte nutzen: diese Projekte werden entweder von Spezialisten durchgeführt, deren Erkenntnisse dann wieder Eingang in die Datenbank finden, oder es stehen genügend Mittel zur Verfügung, um selbst mehr Zeit in eine detailliertere Dokumentation zu stecken.

Die Erfassung von technischen Objekten gleicht oft der Quadratur des Kreises: Wenn man akkurat erfasst, kann man nicht viele Objekte erfassen. Wenn man nicht akkurat genug erfasst, kann man hohe Zahlen an Datenbankeinträgen erreichen, doch diese sind dann unter Umständen nicht besonders hilfreich. Während „Nachtwache, Rembrandt van Rijn, 1642, Öl auf Leinwand” aussagekräftig genug ist, ist “Radio, BRAUN, 1950-1959, Holz” ausgesprochen nichtssagend. Also liegt es am Registrar einen guten Mittelweg zwischen zu detailliert und zu allgemein zu finden.

Angela Kipp, Bernd Kießling

 

__________________________
Bernd Kießling ist Museologe am TECHNOSEUM, Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. Seine Arbeit ist mir der eines Registrars vergleichbar. Seine Spezialgebiete sind die Sammlungen zum Thema Radio, Fernsehen, Funk, Computer, Bürotechnik, Fotografie und Kernkraft.

Dieser Artikel ist auch auf Italienisch erhältlich, übersetzt von Silvia Telmon.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail

This post is also available in: Englisch Spanisch

5 Kommentare

  1. Janice Klein sagt:

    We will miss Bernd’s input on this blog, but more importantly we will miss the love and support he provided to Angela.

  2. This article was a great piece on the extensive detective work that goes into the initial investigation of an object and the mammoth task of the ongoing search for background information, context and connection to community that makes artifact collections a living, breathing entity. It is very hard to explain what I „do all day“ sometimes. I may just send a link to this website to a few more people – have already sent it to my departmental colleagues!
    Thanks for the information on radio research – I am inspired to investigate further!

    ________

    Español:

    Este artículo es una gran pieza en el extenso trabajo detectivesco que continúa desde la investigación inicial de un objeto, y la gigantesca tarea de su búsqueda permanente de información básica, del contexto y la conexión con la comunidad, que es lo que hace que las colecciones de artefactos sean una entidad viviente. A veces es muy duro de explicar lo que yo „hago todo el día“. Solo puedo enviar a unas pocas personas el vínculo de este sitio web – ¡lo he enviado a mis colegas del departamento!
    Gracias por la información sobre la investigación en la radio – ¡Me siento inspirada para seguir investigando!

    • Angela sagt:

      Glad you liked it, Sharon! And feel free to share it with whoever may be interested. I think it’s very important to share so people know what we do all day.

      Cheers!
      Angela

      ________

      Español:

      ¡Me encanta que te guste, Sharon! Y siéntete libre de compartirlo con quien esté interesado. Pienso que es muy importante compartir, de modo que la gente sepa que „hacemos todo el día“.

      ¡Salud!
      Angela

  3. KATHY KARKUT sagt:

    As a medical history museum we have similar issues with medical equipment. The majority of our equipment collection arrives from hospitals because they are not working or a newer model replaced them.

    We also confirm that any radium is removed from the item prior to donation. Last year an x-ray tech brought his Geiger counter over to confirm items in the storerooms do not have radiation issues. This is a concern for many students working with unfamiliar equipment and insurance companies.

    The other issue is determining if the object is missing critical parts. We have wonderful specialist in their fields that volunteer their time to assess the equipment. If the bowel stapler is missing the ’stapler‘ then the item is a good candidate to be deaccessioned.

    Kathy Karkut Collections Manager Museum of Health Care

    ______________________________

    Español:

    Como museo de historia médica, tenemos problemas similares con el equipo médico. La mayor parte de nuestro equipo médico llega de hospitales porque ya no funcionan, o porque fueron reemplazados por modelos más recientes.

    Asimismo, nos aseguramos de que todo residuo de radio sea removido del ítem antes de concretar la donación. El año pasado un técnico de rayos x trajo a su contador Geiger para confirmar que los items en los almacenes de depósito no tuvieran problemas de radiación. Esta es una preocupación para muchos estudiantes que trabajan con equipos desconocidos y compañías de seguros.

    El otro problema es determinar si el objeto tiene partes críticas faltantes. Tenemos maravillosos especialistas en sus respectivos campos, quienes voluntariamente ceden tiempo para evaluar los equipos. Si en la engrapadora de intestino no se encuentra la „grapadora“, entonces este item es un buen candidato para ser retirado.

    Kathy Karkut Gerente de Colecciones Museo de la Salud

    Deutsch:

    Als ein medizinhistorisches Museum haben wir ähnliche Probleme mit medizinischen Geräten. Der Großteil unserer Gerätesammlung kommt aus dem Krankenhaus, weil sie nicht mehr funktionieren oder durch neuere Modelle ersetzt wurden.

    Außerdem müssen wir sicher gehen, dass alles radioaktive Material aus den Objekten entfernt wurde, bevor es gespendet wird. Im vergangenen Jahr kam ein Röntgentechniker mit seinem Geigerzähler vorbei, um sicher zu gehen, dass wir keine Strahlungsbelastung in den Lagerräumen haben. Das ist ein Anliegen vieler Studenten, die mit unbekannten Materialien arbeiten und von den Versicherungen.

    Das andere Problem ist, festzustellen, ob dem Objekt wichtige Teile fehlen. Wir haben wunderbare Spezialisten auf ihrem Gebiet, die uns freiwillig ihre Zeit opfern, um unsere Ausrüstung zu beurteile. Wenn dem Darmhefter der Hefter fehlt, ist das ein guter Kandidat für die nächste Aussonderung.

    Kathy Karkut, Sammlungsmanagerin, Museum of Health Care [Museum für Gesundheitsfürsorge]

    • Angela sagt:

      Hi Kathy,

      oh, yeah, medical history… a really not-that-easy part of a collection. I’m really happy that the retired curator that was responsible for this part of our collection shows up every now and then so one can bother him with questions (like: is the stapler to this bowel stapler missing or is this a bowel stapler at all? Sometimes it turns out that a part from the car mechanics workshop just landed there by mistake).

      And, yeah, you never know when a Geiger tube comes in handy. For we are surrounded by nuclear power plants you can never be too sure about anonymous donations…

      Cheers to you!
      Angela

      ______________________________

      Español:

      Hola Kathy,

      Oh, sí, historia de la medicina… una parte realmente no-tan-fácil de una colección. Yo estoy muy feliz de que el curador retirado, que fue el responsable de esta parte de nuestra colección, se presente de vez en cuando, por lo que uno le puede molestar con preguntas (como: ¿falta algo a esta grapadora o se trata de una grapadora intestinal, o ésta se halla totalmente completa? A veces sucede que una pieza del taller mecánico de los automóviles acaba de aterrizar ahí por error).

      Y, sí, nunca se sabe cuándo un tubo Geiger resulta apropiado. Porque estamos rodeados de plantas de energía nuclear, y nunca se puede estar demasiado seguro de donaciones anónimas …

      ¡Éxitos para ti!
      Angela

      Deutsch:

      Hi Kathy,

      oh, Medizintechnik… ein wirklich nicht einfacher Teil in einer Sammlung. Ich bin wirklich froh, dass der Wissenschaftler, der sich bei uns früher um diesen Bereich gekümmert hat, noch ab und zu vorbei schaut, obwohl er in Ruhestand ist, so dass man ihn mit Fragen löchern kann (wie zum Beispiel: Fehlt der Klammerer dieses Darmklammerers wirklich oder ist das überhaupt ein Darmklammerer? Manchmal stellt sich heraus, dass ein Teil aus der Autowerkstatt versehentlich in der Medizintechnik-Sammlung gelandet ist).

      Und, oh ja, man weiß nie, wann so ein Geigerzähler ganz praktisch ist. Da wir von drei Kernkraftwerken umgeben sind, kann man bei anonymen Spenden nicht vorsichtig geung sein…

      Alles Gute für Dich!
      Angela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.