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Wie katalogisiert man eine Smartphone-App?

von Paul Rowe

Some app symbolsMuseumssammlungen bestanden bisher aus physisch greifbaren Objekten, wobei der Bogen weit gespannt war, von Käfern zu Kunstwerken, von Büchern zu ganzen Archiven. Fotosammlungen bestanden aus analogen Werken – den Negativen oder Abzügen der Fotos. Die Neuzugänge der Museen bestehen aber zunehmend aus ursprünglich digitalen Arbeiten, wie Fotos, die mit einer Digitalkamera aufgenommen wurden oder Filmen, die mit dem Smartphone festgehalten wurden.

Auf unserem Nutzer-Forum bat vor kurzem jemand um Rat, wie eine Smartphone-App katalogisiert werden solle. Wie passen digital erstellte Arbeiten in den traditionellen Dokumentationsprozess der Museen? Und was fängt man mit komplexeren Erwerbungen wie einem Software-Paket oder einer App an?

Hier finden Sie in paar allgemeine Hinweise für die Inventarisierung genuin digitaler Objekte, zusammen mit ein paar Tipps für Multimediamaterial, das sie vielleicht in analoger Form haben (z. B. Spulen mit Filmen).

Verlinken Sie die Quelldateien

Wenn Sie originär digitale Arbeiten inventarisieren/katalogisieren, dann sollten Sie die Quelldateien direkt mit dem Katalog verbinden. Das wäre zum Beispiel ein hochauflösendes Foto oder auch kleinere, reduzierte Bilder, wenn das System das erlaubt. Bei einer Smartphone-App könnten es Standbilder der Benutzeroberfläche sein oder ein Trailer/Hilfevideo der App.

Vielleicht kann man auch eine Webadresse für das digitale Material verlinken, zum Beispiel zum GitHub Quellcode oder zur Wikipedia-Seite, die ein komplexeres digitales Element wie eine Smartphone-App beschreibt.

Viele Systeme erlauben auch einen automatischen Import der Metadaten der gelinkten Dateien, sodass man das Entstehungsdatum mit weiteren Details hat und ebenso Hinweise auf die nötigen Geräte, die Größenordnung und die Laufzeit.

Die genormten Katalogfelder benützen

Viele der Felder, die für traditionelle Sammlungen benützt werden, sind auch für Multimediamaterial geeignet, einschließlich genuin digitalem Material. Typische Felder, die genutzt werden können, sind zum Beispiel:

Objekt: Einfache Beschreibung, um welche Art von Material es sich handelt, z.B. Hörbuch, Smartphone-App
Maße: Wenn man die Abspieldauer nicht direkt in den Metadaten hat, dann sollte sie zusammen mit der Dateigröße im Katalog angegeben werden.
Größenkategorie: Analoges Filmmaterial wird meist in standardisierten Blechdosen verwahrt; deren Größen könnten als Standardkategorien im System angelegt werden.
Wiedergabemedien: Beschreibe die Ausrüstung, die benötigt wird, um die Aufnahme wieder zu geben oder die App zu nutzen.
Format: z.B. Digital Video Diskette, 35mmFarbfilm, iOS app
Ton: z.B. Dolby 5.1
Farbe: Technicolor
Maßstab: z.B. 4:3 oder 1200px x 900px.
Zeitangaben: Man kann die Anfangs- und Endzeit von Sequenzen oder Episoden notieren. Jede Anfangs- und Endzeit sollte einen Titel haben oder eine Beschreibung des Clips.
Besondere Merkmale: Auch Informationen zu einem kommerziellen Filmverleih oder besondere Eigenschaften eines Softwarepakets oder einer App sollten festgehalten werden.
Technische Details: alle wichtigen technischen Details wie die DVD Zone oder die Videokompression sind fest zu halten.

Medium oder Titel

Große Audio- oder Videosammlungen enthalten oft mehrfache Kopien der selben Aufnahme. Jede Kopie wird oft als Medium bezeichnet. Ein Beispiel wäre ein Film, den die Organisation als 16mm Originalkopie hat, aber auch als analoge VHS- und digitale DVD-Kopie für die Ausleihe.
Bei großen Katalogen kann es nützlich sein, die Aufnahme zu splitten, einerseits in die eigentliche Titelaufnahme und diese dann andererseits mit den Aufnahmen für die verschiedenen Medien zu verlinken. Die Titelaufnahme hält die inhaltliche Beschreibung fest (den Titel, den Urheber, wann und wo die Arbeit entstand). Die Aufnahmen für die einzelnen Medien halten die Details der Kopien fest (ihr Format, wo sie aufbewahrt werden, zu welchem Leihvorgang sie gehörten und welche Restaurierungsarbeiten ausgeführt wurden). Dies ist eine komplexere Struktur und nur nötig, wenn eine größere Anzahl von Duplikaten zu verwalten ist.

Vernon CMS

Dieser Artikel entstand als Antwort auf eine Frage, die an Vernon CMS gestellt wurde, die Katalogisierung einer App betreffend. Unsere Hinweise können bei vielen ähnlichen Katalogsystemen berücksichtigt werden. Über das Sammlungs-Management-System von Vernon erfahren Sie mehr auf der Vernon Systems website.

Paul Rowe ist CEO bei Vernon Systems, einer Softwarefirma aus Neuseeland. Vernon Systems entwickelt Software für Organisationen, die ihre Sammlungen registrieren, interpretieren und zur Verfügung stellen wollen. Paul interessiert sich besonders für Systeme auf Web-Basis in Museen und die Zunahme des öffentlichen Zugangs zur Museumsdokumentation. Manchmal kann man ihn beim Höhlenwandern sehen.

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

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Was soll das sein: Linked Data?

Von Richard Light

PenClipartVectors via pixabay (CC0)Es kann sein, dass Ihnen schon einmal jemand begegnet ist, der (wie ich) enthusiastisch dafür plädiert hat, die Museumssammlung in der Form von Linked Data zu publizieren.
Ihre Reaktion war dann möglicherweise mit den Schultern zu zucken, zu sagen “ich weiß nicht was das ist und ich weiß nicht wie man das macht“, um sich dann der Inventarisierung und Verwaltung der eigenen Sammlung zu zu wenden.

Dieser Beitrag versucht aus kulturhistorischer Sicht zu erklären „was Linked Data sind“, welche Möglichkeiten sie bieten und warum es im Augenblick noch sehr schwierig ist, sie anzuwenden.

Das Internet als dezentrale Datenbank

Wir alle wissen, wie das Internet funktioniert. Man findet eine Seite mit Informationen, die einen interessieren, dorthin gelangt man in der Regel über eine wohlbekannte Suchmaschine. Diese erste Seite mit Suchergebnissen enthält eine Menge Links zu relevanten Seiten und man klickt einfach auf die Seiten, die einem selbst wichtig erscheinen. Auf jeder neuen Seite gibt es weitere Links, denen man folgen kann. Wenn man viel Glück hat kann das damit enden, dass man sich im Kreis bewegt. Diesen Vorgang bezeichnet man als browsen (blättern) im Internet. Das ist gut, solange es darum geht, Informationen nach zu schlagen und zu lesen, eine Seite nach der anderen.

Wenn man diese Seiten aber als Datensatz nutzen möchte (zum Beispiel, um Hintergrundinformationen zu einem Katalogeintrag hin zu zu fügen), dann stößt man rasch an Grenzen. Man kann eine (oder alle) der Webseiten mit copy und paste in die eigene Dokumentation einfügen. Aber schließlich wird man entweder eine ärgerliche Anzahl von HTML Auszeichnungen zusammen mit dem Text in den eigenen Daten haben, oder die Auszeichnungen verschwinden und aller Text wird irgendwie zusammengeschoben. In keinem Fall kann man erwarten, aus Webseiten Daten so zu extrahieren, dass sie mit dem eigenen Inventarisierungsprogramm kompatibel sind.

Auch Linked Data funktioniert wie Webseiten. Der große Unterschied ist aber, dass jede „Seite“ eine Art Datenbankeintrag ist. Man kann von einer Linked Data Seite zur nächsten blättern, so wie man zwischen Webseiten blättert. Im Endeffekt ist das Linked Data Netz eine lose verbundene Datenbank, die das ganze Internet umfasst.

URLs Nutzen um Begriffe zu definieren

Linked Data, das ist etwas, das wir nutzen können, um die Gesamtheit der Dinge, die die Welt des kulturellen Erbes ausmachen darzustellen. Es um fasst Personen, Orte, Ereignisse … und Objekte. Ein zentrales Merkmal der Arbeit mit Linked Data ist, dass jeder Begriff seine eigene unverwechselbare Kennung hat. Das ist seine Internetadresse (URL), die genau den gleichen Regeln folgt, die auch Webseiten eindeutig identifizieren.
Das zum Beispiel ist die Kennung einer Person aus dem Künstlernamen Thesaurus des Gettymuseums (ULAN) als Linked Data:
http://vocab.getty.edu/ulan/500077287
Wenn man diese URL im Browser eingibt, so erscheint eine etwas fremd anmutende Webseite, die alle über diese Person bekannten Fakten auflistet. Die Überschrift macht deutlich, dass es sich um John Gerald Patt handelt, was aus der URL nicht erkenntlich ist.

So weit, so gut, nichts Aufregendes – aber hier beginnt nun der Zauber der Linked Data. Wenn man auf einem anderen Weg die gleiche URL eingibt, dann bekommt man die dahinterstehenden Daten zurück. Ich übergehe jetzt den genauen Weg dahin1 und die technischen Details der Daten2 und stelle nur vor, wie es aussieht. Das ist ein Teil der XML-Version von John Gerald Patts Daten:

Dieses Fragment listet die verfügbaren biographischen Daten auf. Der springende Punkt ist, dass jedes biographische Faktum seine eigene Linked Data URL hat, die man dann nachschlagen kann. Zum Beispiel zeigt:

http://vocab.getty.edu/ulan/bio/4000231223

Dieses bibliographische Fragment enthält einige echte Fakten: 2 Daten und eine summarische Beschreibung. Ebenso gibt es URLs für John Gerald Patts Geschlecht und seinen Geburtsort, die man finden und die Daten übernehmen kann. Sie werden bemerkt haben, dass die Daten aus unterschiedlichen Thesauri des Gettymuseum stammen: das Geschlecht findet sich im AAT (Art and Architecture Thesaurus) und der Geburtsort im TGN (Thesaurus of Geographic Names). Das ist ein gutes Beispiel für den Umgang mit Linked Data: schon existierende Strukturen verwenden, um die Dinge auszudrücken, zu denen man etwas beitragen möchte und nicht neue erfinden.
Das wirklich erfreuliche, wenn man die Linked Data URLs in den eigenen Unterlagen benutzt ist, man bekommt zusätzliche Informationen „umsonst“. Wenn man, zum Beispiel, einen Geographiethesaurus wie Geonames 3 benutzt, dann erhält man für jeden Ort auch die geographischen Koordinaten, das heißt man kann Verteilungskarten voller Pins erstellen und es braucht dafür nur ein klein wenig Programmierarbeit.

Die eigene Sammlung als Linked Data veröffentlichen

Kehren wir also zu meinem anfänglichen Vorschlag zurück, die Informationen zu Ihren Objekten als Linked Data zu veröffentlichen. Es gibt zwei gute Gründe das zu tun: man beansprucht schon mal einen Platz für das eigene Material in der Welt der Linked Data, und man stellt eine API zur Verfügung, die andere nutzen können, wenn sie Zugang zu ihren Daten haben möchten. Ich konnte einen Versuch für Museenm in England starten und einige der Museen haben die Gelegenheit genutzt4.

Aber, worauf ich am Anfang auch hingewiesen habe, es gibt auch gute Gründe, die Sammlung nicht mit Linked Data zu veröffentlichen. Drei sind augenfällig: ich wette darauf, dass Ihr Datenbanksystem keine Unterstützung für die Eingabe von Linked Data URLs bietet; auch kann die Umgebung der Software für Veröffentlichungen im Internet Linked Data nicht nutzen, um die Webpräsenz zu verbessern und (vielleicht am wichtigsten) es fehlt noch an der Struktur bei Linked Data für die Begriffe, über die wir nun Informationen teilen wollen: Leute, Orte und Ereignisse.

Ich werde auf diese Dinge in zukünftigen Beiträgen detaillierter eingehen, in der Zwischenzeit freue ich mich darauf, auf Ihre Kommentare und Fragen zu antworten.

Richard Light ist ein Informatiker und Softwareentwickler aus England und hat sich fast sein ganzes Berufsleben lang mit Museums-Informations-Systemen beschäftigt. Er war an der Digitalisierung des Sedgwick Museums in Cambridge beteiligt, als es noch Lochstreifen und Großrechner gab und dann erarbeitet er für die Museum Documentation Association (heute: Collections Trust) Datenstandards und Datensysteme. Seit 1991 ist er selbständiger Berater im Bereich des Kulturerbes mit dem Schwerpunkt auf Markup-Sprachen und Linked Data. Er ist der Vorsitzende von Free UK Genealogy5 und besucht regelmäßig die Treffen von CIDOC6: etwas, das jeder, der in der Museumsdokumentation arbeitet tun sollte!

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

  1. Man braucht den Kopfdatensatz der HTTP-Header-Felder
  2. Es ist RDF (Resource Description Framework, sinngemäß „System zur Beschreibung von Ressourcen“) ein Datenmodell, das auf gerichteten Graphen basiert: https://www.w3.org/RDF
  3. z.B. http://sws.geonames.org/7298484/about.rdf
  4. z.B. http://collections.wordsworth.org.uk/Object/WTcoll/id/rdf/GRMDC.C144.9
  5. http://www.freeukgenealogy.org.uk/
  6. http://network.icom.museum/cidoc/
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