Heiliger Scheiss – da ist was drin !

Objekte mit Inhalt in Sammlungen

Vor kurzem bin ich über diesen Artikel zu Pietro Manzonis Arbeit “Künstler-Scheiße” gestolpert:
https://www.sartle.com/artwork/artists-shit-no-014-piero-manzoni

Er erinnerte mich an ein Problem mit dem jeder Sammlungsmanager mindestens einmal in seinem Berufsleben kämpfen muss: mit dem Objekt, das etwas enthält. Nicht immer ist der Inhalt so fragwürdig wie eingedoste Scheiße, aber von Arsen bis Zwieback gibt es eine endlose Liste von Dingen, die aus unterschiedlichen Gründen Kopfzerbrechen bereiten können. Was also soll der Verantwortliche in diesen Fällen tun? Es überrascht nicht, dass er sich erst einmal ein paar Fragen stellen sollte, ehe er sich entscheidet.

Passt das zur Sammlung?

The can reads “no shit” in German, thus avoiding copyright infringement. “Kein Scheiß” in Germany means both  “no shit” and “I am not kidding you”.

Natürlich begehen wir keinen Urheberrechtsverstoß – wir haben für unverfänglichen Ersatz gesorgt.

Das ist natürlich die erste Frage oder sollte es doch sein, wenn einer Institution wie einem Museum etwas angeboten wird. In diesem Fall ist es die Frage, ob es dem Museum hilft, seiner Aufgabe gerecht zu werden und ob es zur Erwerbungspolitik des Hauses passt. Ist das nicht dasselbe? Wie wir alle wissen sollte die Erwerbungspolitik eines Museums aus einer festen Definition seiner Ziele erwachsen. Ja, aber die Erwerbungspolitik kann auch Grenzen ziehen, um zu definieren was nun wirklich gesammelt wird.
Die Aufgabe des Hauses könnte es sein, italienische Kunst von 1960 – 1970 zu sammeln, sodass Piero Manzonis Arbeit dazu passen würde. Aber die Erwerbungspolitik könnte einen Rahmen ziehen, der nur die Erwerbung von Gemälden und Arbeiten auf Papier erlaubt, da die Depots nur für diese Materialien geeignet sind und keine Möglichkeit besteht, Skulpturen oder andere dreidimensionale Objekte zu deponieren. In dem Fall ist eine Dose mit Künstler-was-weiss-ich glücklicherweise nicht unser Problem.

Was ist wichtig? Die Hülle, der Inhalt oder beides?

Wenn klar ist, dass das Objekt zur Sammlung passen würde, ist die nächste Frage, ob das für alle seine Teile gilt.
In einem Museum für Produktdesign will man sicher die Hülle erhalten. Enthielte die Dose also Fleischextrakt anstelle dieses Künstler- … – Produkts, hätten Sie sicher keine Hemmung, die Dose zu öffnen und auf minimalinvasive Weise zu leeren, um das Design des Behältnisses zu erhalten.

Wenn es die Aufgabe des Museums ist, Menschen über Fäkalien zu informieren (nicht meine Erfindung! Siehe: https://www.poomuseum.org), und diese deshalb zu erhalten, dann ist es wichtiger den Inhalt zu erhalten, als die Hülle. Im wirklichen Museumsleben bedeutet das oft, dass man Behältnis und Inhalt trennen muss und den Inhalt in ein anderes Behältnis übertragen, das für seinen Erhalt besser geeignet ist. Nun habe ich keine besonderen Studien angestellt, was menschliche Fäkalien betrifft, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass eine Weißblechdose wohl nicht der richtige Behälter für eine Langzeit-Aufbewahrung wäre.

Dann gibt es noch die Fälle, bei denen Inhalt und Behältnis es Wert sind erhalten zu werden. Das wäre wohl der Fall der Künstle-Scheiße. Die unendliche Diskussion, ob Piero Manzoni das wirklich getan hat, ob die Dose wirklich enthält, was das Etikett behauptet, ist ein valides Argument. Ein offensichtlich leeres Behältnis mit der Beschriftung Künstle-Scheiße wäre witzlos. Genau so witzlos wäre es wahrscheinlich, Herrn Manzonis Fäkalien zu bewahren. Wenn ich da auch nicht ganz sicher bin. Ein zukünftiger Kunsthistoriker könnte Interesse daran haben, den Inhalt analysieren zu lassen um etwas über die Lebensumstände des Künstlers zu erfahren. Wenn ich genauer darüber nachdenke: es KÖNNTE von Interesse sein, wenn das von der Sammlungspolitik gedeckt ist und das Problem der Langzeiterhaltung gelöst ist.

In diesem Fall bilden Behältnis und Inhalt gleichwertig das Kunstwerk und beide sollen dann erhalten werden. Also könnten wir in dem Fall Behältnis und Inhalt nicht trennen, selbst wenn die Fäkalien andere Lagerungsbedingungen erfordern als die Dose. Wir würden ja den originalen Zustand des Kunstwerks verändern, was wir als Museumsfachleute vermeiden. Eine Randnotiz: zahllose Sammlungsverwalter haben die Gelegenheit verpasst, selbst Künstler zu werden, da sie die Dose Manzonis ließen wie sie war – jemand öffnete eine Dose und das ist nun selbst ein Kunstwerk: http://beachpackagingdesign.com/boxvox/opening-can-boite-ou%C2%ADver%C2%ADte-de-pie%C2%ADro-man%C2%ADzo%C2%ADni

Ist es gefährlich?

Das ist eine der Schlüsselfragen für jeden, der für eine Sammlung verantwortlich ist. Die Frage ist eine doppelte: ist es für sich selbst bzw. für andere Sammlungsobjekte gefährlich oder für die Mitarbeiter? Traurig aber wahr, ich habe niemals einen Sammlungsleiter getroffen, der diese Fragen in anderer Reihenfolge gestellt hat – das sollten wir aber!

Die Frage ob es selbstschädigend ist spielt auch eine Rolle, wenn entschieden werden muss, ob Behältnis und Inhalt getrennt werden müssen. Manche Dinge zerstören sich selbst, wenn sie luftdicht aufbewahrt werden. Ich glaube jedes Museum mit einer Sammlung von Objekten aus Zelluloid kann ein Lied davon singen. Bei Fäkalien halte ich dieses Risiko eher für gering. Aber, ich bin kein Experte.

Ob das Objekt eine Gefahr für den Rest der Sammlung darstellt ist eine Schlüsselfrage bevor ein Objekt in die Sammlung übernommen werden kann. Da die Bandweite von sehr gefährlich zu ziemlich harmlos unter den meisten Bedingungen reicht, kann eine solche Risikoanalyse einem Sammlungsverantwortlichen schon mal schlaflose Nächte bereiten.

Im Fall des Kunstwerks von Manzoni … Nun, da besteht eine gewisse Möglichkeit dass die Fäkalien im Inneren (wenn sie denn darin sind) zu fermentieren beginnen, besonders wenn es im Depot zu warm ist. Unter diesen Umständen besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass das Kunstwerk zu einer Splitterbombe mutiert. Das ließe sich aber bei angemessener Lagerung vermeiden.

Die Gefahr für die Menschen, die dem Objekt umgehen müssen, bewegt sich auf der gleichen Linie. Die Gefahr ist aber nicht so groß, dass die Erwerbung deshalb abgelehnt werden müsste (wie es wohl der Fall wäre, wenn dem Museum chemische Kampfstoffe angeboten würden).

Es sollte eine schriftliche Anweisung zum Umgang mit dem Objekt geben, etwa den Hinweis, dass eine regelmäßige Kontrolle wegen eventueller Aufwölbungen zu erfolgen hat. Auch der Hinweis auf eine mögliche biologische Gefahr sollte festgehalten werden, da wir ja nicht wissen ob echte Fäkalien enthalten sind und wir auch nicht ganz sicher sein können, ob Herr Manzoni ganz gesund war als er … Sicherheit steht an erster Stelle!

Zusammenfassung

Wenn der Sammlungsverantwortliche weiß,

  • ob das Objekt zur Sammlung passt
  • ob Inhalt und Behältnis es Wert sind erhalten zu werden
  • ob sie getrennt werden können, oder unverändert zusammen bleiben müssen, und
  • ob sie gefährlich sind und worin die Gefahr besteht,

dann wird der Sammlungsverantwortliche

  • Empfehlungen geben, ob das Objekt übernommen werden soll oder nicht
  • Behältnis und Inhalt in angemessener Weise lagern und
  • Handlungsanweisungen für seine zukünftigen Kollegen schreiben.

Ich habe verzweifelt nach einem Schlusssatz für diesen Artikel gesucht, der kein schlechter Witz ist oder aus anderen Gründen unangemessen. Es ist mir nicht gelungen. So schreibe ich nur: Leben Sie wohl!

Angela

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

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Ein Kommentar

  1. Anne T. Lane sagt:

    And then there was the large 19th c. ceramic jug we were trying to identify. As I went to turn it over to view the bottom, we heard a bit of rustling. „Sounds as if there’s something inside,“ I said. I up-ended it and out fell a wad of dust with bits of straw ane other detritus, along with a thoroughly mummified mouse. This was no canopic jar, and we are not a natural history museum, so I deaccessioned the wee corpse and chucked it in the trash.

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