Kunst im Hotel

Eins vorab: ich liebe Hotels. Und ich finde, dass wir als Museen viel von ihnen lernen können, wenn es darum geht, Kunden das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Aber es gibt da eine Sache, die mir aus professioneller Sicht immer wieder auffällt. Deshalb erlauben Sie mir heute ein paar Worte zum Thema „Kunst im Hotel“:

Kunst im Hotel ist großartig. Sie kann trösten, wenn man sich einsam fühlt. Sie kann Neues entdecken lassen. Sie kann liebe Erinnerungen wecken. Sie kann inspirieren. Sie kann nach einem hektischen Tag beruhigend wirken. Aber sie kann auch das Gegenteil bewirken: Sie kann dazu führen, dass der Hotelgast sich äußerst unwohl fühlt. Die folgenden Beispiele habe ich alle selbst gesehen, und zwar alle an einem verlängerten Wochenende in unterschiedlichen Hotels:

1. Der subtile Horror von Erbstücken

Nichts ist schöner als Kunst, die man geerbt hat. Oft sind richtige Perlen unter den gut gehüteten Schätzen der Vorfahren. Allerdings gibt es da eine simple Daumenregel: wenn Sie zuhause etwas abhängen müssen, weil das Enkelkind davon Alpträume bekommt, ist es kaum geeignet, statt dessen im Hotelzimmer zu hängen:

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Eine Naturszene in Kupfer? Perfekt für ein Landhotel! Was könnte man daran nicht mögen?

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Was sagt schließlich besser „herzlich willkommen“ als die toten Augen eines Zombie-Dompfaffs (Pyrrhula pyrrhula)?

2. Bei uns hängen Sie richtig!

Vor einiger Zeit kam ein findiger Verleger von Kunstpostern auf eine Idee: In einer Gesellschaft, in der man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass Leute erkennen, was Kunst ist, muss man eben nachhelfen. Also versah er die Nachdrucke berühmter Kunstwerke immer gleich mit einer vergrößerten, stilisierten Signatur des Künstlers; „Vincent“, „Monet“, „Manet“, usw. Hotels scheinen diese Art von Kunstdrucken zu bevorzugen und ich wette, Sie sind auf die Art auch schon dem einen oder anderen Strauß Sonnenblumen von van Gogh auf begegnet. In einem Hotel hatte ich die „Felder im Frühling“ von Monet über dem Bett:

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Zweifelsohne ist das Original ein Meisterwerk impressionistischer Kunst. Allerdings war es in diesem Fall ein Bild, unter dem kein Registrar ruhig schlafen kann. Dass die Farben durch jahrelange UV-Einstrahlung stark verblichen sind, lässt sich ja schon auf dem ersten Foto erahnen. Der wahre Horror zeigt sich aber erst in der Blitzlichtaufnahme:

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Die klimatischen Bedingungen in dem Hotelzimmer waren also offensichtlich alles andere als ideal. Als wäre das nicht genug, ist der Rahmen in einer Art und Weise befestigt, wie ich es zugegebener Maßen noch nicht oft gesehen habe. Leider waren die Lichtverhältnisse zu schlecht, um das ausreichend zu dokumentieren:

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Das Bild war tatsächlich durch den Rahmen in die Wand genagelt worden…
Zur Ehrenrettung des Hotels sei gesagt, dass das Zimmer ansonsten einwandfrei und das Essen hervorragend war.

3. Haben Sie den Monet auch in apricot?

Reproduktionen von Kunstwerken haben eine lange und ehrwürdige Tradition. Sie sind eine Möglichkeit, sich mit hochwertiger Kunst zu umgeben, ohne gleich Unsummen dafür ausgeben zu müssen. Und natürlich hat man immer schon das Kunstwerk passend zum Raum gewählt. In letzter Zeit ist mir aber eine Art von Hotelkunst aufgefallen, die dieses Prinzip auf den Kopf stellt: Statt Kunst zu suchen, die zum Raum passt, wird die Kunst passend gemacht.

Es werden Ausschnitte aus Meisterwerken gemacht, die so vom Künstler nicht vorgesehen waren. Zum Beispiel gibt es die Frau mit dem Sonnenschirm aus den gerade gesehenen Feldern im Frühling auch einzeln, vergrößert, im Hochformat. So passt sie besser an die Wand im Flur und es ist nicht so viel unnötiges Gestrüpp mit auf dem Bild… Im Extremfall lässt man auch noch die Farben etwas korrigieren, damit sie besser mit der Tapete harmonieren.

Eine andere Unsitte sind Massenware, die so tut, als sei sie echt gemalt. Bei näherem Hinsehen sieht man dann allerdings, dass es Tintenstrahl auf Leinwand ist, festgetackert auf eine Lattenkonstruktion, die einen Keilrahmen imitiert. Diese Art von Massenkunst gibt es in allen möglichen Stilen (beliebt ist z.B. etwas in Anlehnung an Edward Hopper für Fast-Food-Restaurants), besonders gern werden allerdings abstrakte Motive genommen. Vermutlich, weil sie äußerst pflegeleicht sind: sie gelten von vornherein als intellektuell und lassen sich in allen möglichen Farben herstellen. Wenn man dann noch ein Motiv findet, das man als Pärchen über dem Doppelbett aufhängen kann, hat man eigentlich schon gewonnen:

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Sicher, über Kunst lässt sich streiten. Ich habe allerdings eher den Verdacht, dass hier aus einem Katalog die passende Deko zum Zimmer herausgesucht wurde. Und dass man sich an der Rezeption keine Wasserwaage borgen konnte, um zumindest die Hängung in Ordnung zu bringen, hat mir dann noch völlig den Rest gegeben.

Aber ich will nicht ausschließen, dass das soeben gezeigte Werk dem Hotelbesitzer einfach ausnehmend gut gefallen hat. Schönheit liegt schließlich im Auge des Betrachters. Trotzdem, auch wenn es einem selbst richtig gut gefällt, so gut, dass man sich gar nicht daran satt sehen kann, sollte man trotzdem als Hotelbesitzer einen Fehler nie machen, Massenproduktion hin oder her: Man sollte das gleiche Werk nicht an zwei Orten aufhängen, zu denen der selbe Hotelgast Zugang hat!

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Wobei ich es schon bewundernswert finde, dass man es zweimal geschafft hat, das Bilderpaar beinahe gleich schief aufzuhängen!

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Angenehme Nachtruhe!
Angela

Dieser Beitrag ist auch auf französisch erhältlich, übersetzt von Marine Martineau.

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2 Kommentare

  1. Anne sagt:

    Good Monday-morning laugh. This is another of those things that would provoke a thread on any number of museum mailing lists.
    Shanti,
    Anne

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