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Die Wetterfeuerzwerge oder: Ein paar Gedanken über Sensoren – Teil 3

Ich weiß, was Sie denken, nachdem Sie die ersten beiden Teile dieser Beitragsreihe gelesen haben: Welche Datalogger sollte ich am besten kaufen, um mein Klima zu messen? Es gibt eine große Auswahl auf dem Markt und einige davon sind ziemlich teuer.

Die Sache ist die: Es sind Faktoren wie die Genauigkeit, die den hohen Preis von Dataloggern ausmachen, vor allem, wenn es darum geht, die relative Feuchtigkeit zu messen. Sie können auch recht günstige Modelle kaufen, aber was diese wirklich billig macht, sind meistens billige Sensoren. Nun fragen Sie sich sicherlich, wie schlimm eigentlich ein billiger Sensor ist. Wie fast immer, ist diese Frage mit: „Es kommt darauf an …“ zu beantworten. Auf was es ankommt? Beispielsweise darauf, wie stabil Ihr „Raumklima“ ist (auch wenn wir bereits gesehen haben, dass es so etwas eigentlich gar nicht gibt) und wie genau Ihre Messung sein soll.

Eine Sache, die Sie wissen sollten ist, dass Sensoren immer innerhalb einer Spannweite arbeiten. Feuchtigkeitsfühler tun dies für gewöhnlich und logischerweise zwischen 0 und 100% relativer Feuchtigkeit. Innerhalb dieser Spanne sind Abweichungen hinsichtlich der Genauigkeit möglich. Feuchtigkeitsfühler funktionieren typischerweise im mittleren Bereich um die 50% rF am exaktesten und werden ungenauer, wenn sich die Feuchtigkeit auf Werte im Randbereich unter 10% oder über 90% zubewegt. Auch in einer sehr kalten oder sehr heißen Umgebung, kann ein Messfühler seine Genauigkeit einbüßen. Normalerweise sind die Angaben zu den möglichen Abweichungen in den Datenblättern von Sensoren oder Geräten dargestellt.

Da sich das alles ziemlich theoretisch anhört, habe ich einen Versuch gemacht, um zu zeigen, was das alles bedeutet (im Nachhinein betrachtet, hätte ich vielleicht ein bunteres Farbspektrum für das Diagramm verwenden sollen, Entschuldigung hierfür). Ich habe drei Sensoren an einer Stelle ausgelegt:

DHT22 (hellgrün), Korrektur DHT22 (blau), SHT31 (dunkelblau), Sensirion SHT35 (grün)

 

1. Ein recht günstiges Modell, einen DHT22/AM2302 1 bei dem es sich um einen gewöhnlichen Temperatur- und Feuchtigkeitsmesser aus dem Bereich der Maker/Mikrokontroller-Szene handelt, die man oft in selbstgebauten Geräten findet. Normalerweise zeigen diese Fühler Werte mit einer Genauigkeit von +/- 2% rF und einer maximalen Abweichung von +/- 5% rF an (es wird jedoch nicht angegeben, in welchem Messbereich diese maximale Diskrepanz erreicht wird). Diese Messdaten werden durch die hellgrüne Kurve dargestellt.

2. Aus dem mittleren Preissegment eine chinesische Version des Sensirion SHT31 2, denen man gelegentlich in etwas raffinierteren DIY-Projekten begegnet. Die Genauigkeit dieses Geräts wird mit +/- 2% rF angegeben. Dargestellt wird diese Messung von der dunkelblauen Kurve.

3. Aus der höheren Preisklasse einen original Sensirion SHT35-Sensor 3, den man in professionellen Geräten findet. Es wird eine Genauigkeit von bis zu +/- 1,5% rF innerhalb eines Messbereichs von 0 und 80% relativer Feuchtigkeit angegeben, was bedeutet, dass es außerhalb dieser Werte weniger genau misst. Dargestellt wird dieser Sensor von der grünen Kurve.

4. Zusätzlich ist eine blaue Kurve zu sehen: Hierbei handelt es sich um die lineare Korrektur des DHT22, der auf einem Abgleich mit einer Messung beruht, die ich mit einem Assmann-Psychrometer durchgeführt habe. Ich habe herausgefunden, dass der DHT22 31 Prozentpunkte von der „tatsächlichen“ relativen Feuchtigkeit abweicht, die ich mit dem Assmann-Psychrometer bei 55% gemessen habe. 4

 

Was zeigt uns diese Grafik an und was können wir daraus lernen?

Alle Sensoren funktionieren ziemlich ähnlich, wenn es um Temperaturmessungen geht. Das bedeutet für uns, dass wir getrost auf günstigere Varianten zurückgreifen können, wenn es um reine Temperaturmessungen geht.

Sobald es aber um die Feuchtigkeitsmessung geht, wird es sehr interessant:

1. Die ursprünglichen DHT22-Aufzeichnungen zeigen eine viel zu hohe Feuchtigkeit an, was wir bereits nach der Messung mit dem Psychrometer vermutet haben. Da der Sensor maximal bis 100% messen kann, hören die Kurven natürlich abrupt bei 99,9% auf. Die Kurve unserer Korrekturmessung dieses Sensors ergibt sich hauptsächlich durch lineare Subtraktion, sodass die abgeflachte Kurve des DHT22 direkt auf 68,9% transferiert wird.

2. Das teure Original des SHT35 und die günstigere Variante SHT31 sind nicht wirklich weit voneinander entfernt. Wenn die Feuchtigkeit langsam auf 70% und darüber hinaus ansteigt, scheint der günstigere Sensor (dunkelblaue Kurve) ein bisschen weniger Feuchtigkeit zu messen als die teurere Version (grüne Kurve). 5

3. Wirklich lustig ist jedoch die Tatsache, dass der günstigere Fühler dazu tendiert, Ereignisse dramatisch überspitzt darzustellen. Wenn wir uns den Kurvenverlauf der Feuchtigkeitsmessung des DHT22 vom 27. Juli genauer anschauen, sehen wir, dass die Kurve von 100% am Morgen drastisch auf 49,7% um 3 Uhr nachmittags abfällt. Auch die korrigierte Version beschreibt einen ebenso dramatischen Klimaverlauf von 68,9% zu 18,7%. Wenn wir uns die anderen beiden Sensoren anschauen, passiert nichts dramatisches. Der teuerste Sensor misst einen Abfall der Feuchtigkeit von 66,3% auf 40,7%. Dies wäre zwar immer noch eine kleine Katastrophe, wenn es sich um das Klima in einer Ausstellung oder einem Depotraum handeln würde (was nicht der Fall war), aber es ist ein riesiger Unterschied, ob man einen Klimaabfall von 25% oder von 50% hat.

Ausschnitt der Klimakurve vom 27.Juli

Vor allem der letzte Punkt sagt viel über günstige und teure Datalogger aus. Nicht, weil günstige Geräte unbedingt einen alten, abgenutzten DHT22 beinhalten, sondern weil hier ein grundsätzliches Problem von Sensoren verdeutlicht wird: sie funktionieren nicht immer unbedingt linear. Sie benötigen möglicherweise eine Kalibrierung.

Nun ist jede Kalibrierung ein kostspieliger Schritt. Für gewöhnlich sind Geräte an bestimmte Referenzpunkte angepasst, was bedeutet, dass der Hersteller in etwa das gleiche getan hat, was ich mit dem DHT22 getan habe: Es wird eine kalibrierte Quelle beprobt (zum Beispiel Salzlösung) und das Ergebnis wird dementsprechend angepasst.

Wenn es sich um ein günstiges Gerät handelt, kann es sein, dass diese Anpassungen nur an einen einzigen Referenzpunkt angepasst sind, was Folgen hat, die wir beispielsweise beim der Messkurve des DHT22 sehen können. Nur weil dieser Sensor bei einer Feuchtigkeit von 55% um 31 Prozentpunkte abweicht, muss dies nicht bei der ganzen Spannweite des Messbereichs der Fall sein. Stattdessen ist es sogar sehr unwahrscheinlich für einen Sensor, innerhalb eines ganzen Spektrums linear zu reagieren. Vielmehr fällt die Reaktion bei unterschiedlichen Bereichen der Feuchtigkeit ebenso unterschiedlich aus. Aus diesem Grund werden teure Geräte an mehreren Referenzpunkten getestet und dementsprechend kalibriert. Das Ergebnis sind viel genauere Aufzeichnungen innerhalb der ganzen Bandbreite.

Ich vermute, dass der SHT31 auch nur mit einer Referenz getestet wurde und dass allein schon der Unterschied, den wir bei steigender Feuchtigkeit im Vergleich zu den Aufzeichnungen des originalen Sensirion sehen bereits ein Zeichen dafür ist – aber da sich die Kurven noch im möglichen Toleranzbereich befinden, kann ich das nicht beweisen.

Ich persönlich würde den DHT22 aus offensichtlichen Gründen nicht mehr verwenden. Mit dem SHT31 kann ich leben, wenn ich einen groben Eindruck über die klimatische Raumsituation bekommen möchte oder in einer weniger problematischen Umgebung. Wenn es allerdings um Klimaaufzeichnungen für Leihgaben oder kritische Depotsituationen geht, würde ich mich immer für die teureren Originalteile entscheiden.

Um es also etwas allgemeiner zusammenzufassen: Kann man Kosten sparen, wenn man ein günstiges Gerät anschafft? Ja, wenn es lediglich darum geht, die Temperatur zu messen. Und ja, wenn es nur darum geht, eine grobe Vorstellung von Schwankungen der relativen Feuchtigkeit zu bekommen, man jedoch keine genauen Messwerte benötigt. Sie müssen sich dann immer der Tatsache bewusst sein, dass ein Gerät einen viel dramatischeren Klimasturz anzeigt, als dies eigentlich der Fall ist, aber dass es ebenso denkbar ist, dass die Aufzeichnungen weniger dramatisch ausfallen, als das, was tatsächlich passiert ist.

Wahrscheinlich ist es besser, qualitativ hochwertigere Produkte zu wählen, wenn es um heikle Einsatzgebiete geht und es ist immer ratsam, einen kritischen Blick auf die Datenblätter eines Produktes zu werfen, um zu wissen, was man kauft.

Mögen Ihre Depots und Ausstellungen stets ein schönes und stabiles Klima haben!

Angela

 

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Edith Harmati.

  1. Siehe hierzu das Datenblatt: https://www.sparkfun.com/datasheets/Sensors/Temperature/DHT22.pdf
  2. Details sind hier zu finden: http://vi.raptor.ebaydesc.com/ws/eBayISAPI.dll?ViewItemDescV4&item=162728071099&category=65460&pm=1&ds=0&t=1509175725000&ver=0
  3. Das komplette Datenblatt der Sensirion SHT 3x-Serie ist hier zu finden: https://www.sensirion.com/de/umweltsensoren/feuchtesensoren/digitale-feuchtesensoren-fuer-diverse-anwendungen/
  4. Fairerweise muss ich zugeben, dass ich diesen einen Fühler in den vergangenen Jahren nicht sehr pfleglich behandelt habe, sodass man ihn als etwas veraltet und verbraucht bezeichnen kann. Ich habe herausgefunden, dass man mit vielen DHT22-Messfühlern viel näher an die originalen Feuchtigkeitswerte herankommt und man normalerweise keine Sensoren mit einer höheren Abweichung als 2% für seine Feldforschung benutzen sollte. Aber beim Weiterlesen, werden Sie verstehen, warum ich diese Sensoren überhaupt nicht mehr für kritische Bereiche benutze.
  5. Wenn ich die extremsten Abweichungen betrachte, befinden sich diese in einem Bereich von 2-3 Prozent. Dies würde bedeuten, dass die Werte immer noch in einem akzeptablen Toleranzbereich liegen, vorausgesetzt, der eine Fühler irrt sich im Plus-Bereich und der anderere Fühler im Minus-Bereich des jeweiligen Spektrums.
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Die Wetterfeuerzwerge oder: Ein paar Gedanken über Sensoren – Teil 2

Picture by Alexas_Fotos via pixabay CC0

Es ist ein allgemeines Missverständnis, dass Sensoren grundsätzlich die Raumtemperatur und die relative Luftfeuchtigkeit erkennen können. Das können sie nicht. Es gibt keinen Wetterfeuerzwerg, der zu den Objekten spaziert und sagt: „Nun, hier haben wir eine relative Feuchtigkeit von 51%“. Ein Sensor misst Temperatur und Feuchtigkeit immer in der unmittelbaren Umgebung. Wenn er zwei Meter über dem Boden hängt, misst er dort wunderbare 51% und 21°C, während Ihre Objekte weiter unten hinter dem Glas einer Ausstellungsvitrine mit schlechter Lichtinstallation bei 28°C überhitzen und bei 34% vertrocknen. Möglichweise bekommt man Panik, wenn man die angezeigten 32°C in der Ausstellung erblickt, während dies tatsächlich nur durch direkte Sonneneinstrahlung auf den Sensor verursacht wird. Oder aber der Sensor wurde über einem Heizgerät angebracht und wird deswegen gegrillt.

Ein Problem bei der richtigen Platzwahl für die Montage eines Dataloggers ist, dass es nur in den wenigsten Fällen soetwas wie ein „Raumklima“ gibt. In den meisten Räumen gibt es mehrere Klimazonen: Es gibt eine Außenwand, die stets etwas kälter ist als der Rest des Raumes. Es gibt die eine Wand, die im Winter immer von 11 bis 14 Uhr und im Sommer von 9 bis 16 Uhr viel Sonnenlicht abbekommt. Es gibt den Bereich in der Nähe des Eingangs, in dem immer ein kühler und feuchter Luftzug herrscht, sobald jemand die Tür öffnet. Und es gibt noch die Ausstellungsvitrinen.

Alles in einem Raum tendiert stets nach einem Ausgleich, was bedeutet, dass sich alle Komponenten einem gemeinsamen Raumklima anzupassen versuchen. Aber gerade dadurch wird ein wechselhaftes und manchmal problematisches Raumklima erzeugt. Wärmere Luft störmt unvermeidlich in kühlere Bereiche, aber sobald sie dort ankommt, können sich eben die schönen 51% bei 21°C bald in die klimatischen Bedingungen der Außenwände von 68% bei 16°C umwandeln. 1

Um einen guten Überblick darüber zu bekommen, was an welcher Stelle in einem Raum oder einer Ausstellung geschieht, könnte man mehrere Sensoren zu platzieren. Doch wir kennen alle das Leben und den Museumsbetrieb: Mit großer Wahrscheinlichkeit stehen nie genügend finanzielle Mittel zur Verfügung. Was man aber auf jeden Fall machen kann, ist, mit seinem Datalogger zunächst in unterschiedlichen Raumbereichen zu messen, um einen besseren Überblick zu bekommen, was wo passiert. Dadurch lässt sich für die dauerhafte Platzwahl eines Dataloggers ein Bereich auswählen, der die besten Erfahrungswerte für die jeweiligen Objekte aufweist.

Das nächste Mal werden wir uns den Unterschied zwischen günstigen und teuren Sensoren anschauen, was – neben anderen Faktoren, wie etwa einer W-LAN-Kompatibilität – ausschlaggebend für die Quailtät des Datalogger ist.

Bleiben Sie dran für den dritten Teil dieses Beitrags!

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Edith Harmati.

  1. Fun fact: Aus diesem Grund bekommt man einen noch feuchteren Keller, wenn man versucht, diesen zu trocknen indem man die Fenster im Sommer öffnet – wohingegen man bessere Erfolgschancen hat, wenn man das gleiche im Winter tut.
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Die Wetterfeuerzwerge oder: Ein paar Gedanken über Sensoren – Teil 1

Foto von Brett_Hondow CC0 via pixabay

Wenn ich an meine frühe Kindheit zurückdenke, habe ich ab und zu das Bild meines Großvaters vor Augen, der vor einer sogenannten „Wetterstation“ steht – einer Holztafel mit drei Messgeräten aus Messing: Einem Thermometer, einem Hygrometer und einem Barometer. Behutsam pflegte er gegen die Glasabdeckung des Barometers zu klopfen, bevor er auf die Anzeige schaute.

Als Kind war ich fest davon überzeugt, dass er dabei einen kleinen Arbeiter in der Wetterstation weckt, der wiederum prüft, ob das Wetter trocken, regnerisch oder wechselhaft wird. Dies ergab für mich Sinn, da ich dachte, dass besondere Mächte für das Wetter verantwortlich sind: Die Wetterfeuerzwerge.

Nach den Abendnachrichten sagte der Nachrichtensprecher nämlich immer: „Und nun die Wetterfeuerzwerge für morgen“. Viel später erst fragte ich meine Mutter danach und sie erklärte mir, dass es nicht um „Wetterfeuerzwerge“ ging, sondern um die „Wettervorhersage“. Bis dahin war ich der festen Überzeugung, dass „Wetterfeuerzwerg“ ein gewöhnlicher Beruf sei, wie Feuerwehrmann, Bäcker oder Lehrer. Sie beobachten das Wetter und machen Prognosen. Zudem war ich der Meinung, dass es Zwerge sein müssten, weil sie ja in den kleinen Instrumenten wie einem Barometer wohnen müssen.

Nun fragen Sie sich sicherlich, worauf ich mit diesen Kindheitserinnerungen hinaus will? Nun, mein Großvater konnte sicherlich keine kleinen Wetterfeuerzwerge erwecken noch praktizierte er andere Arten von Magie. Durch das Beklopfen des Barometers, in dessen Innerem sich eine kleine Metalldose – ein sogenannter Aneroid – befindet, wollte er lediglich eine Tendenz ablesen. Wenn man nämlich gegen ein solches Barometer klopft, wird der Druck in der Dose auf einen Zeiger übertragen, der einem anzeigt, ob der Luftdruck steigt oder fällt. Ebenso wusste mein Großvater, dass die kleinen Markierungen, auf denen man etwa „sehr stürmisch“, „Regen“, „wechselhaft“, „klar“ oder „sehr trocken“ lesen konnte, nicht wortwörtlich zu verstehen waren. Im Winter konnte „klar“ oft bedeuten, dass es sehr kalt werden würde. Er schaute also nicht einfach nur auf das Barometer, er wusste auch, wie er die Anzeigen zu deuten hatte.

Springen wir zurück in das Jahr 2018: Oft habe ich Schwierigkeiten, einigen Kollegen die Nutzung und die Genauigkeit von Sensoren zu erläuten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf unsere Vorstellungskaft und unsere Erwartungen hinsichtlich Messgeräten gewissermaßen ihren Tribut fordern.

Es stimmt, auf Hygrometer bezogen, dass es wesentlich komplizierter ist, Feuchtigkeit zu messen als die genaue Temperatur. 1. Ein digitales Hygrometer zeigt für gewöhnlich Werte bis zu zwei Stellen nach dem Komma an.

Während man beispielswiese auf einem analogen Hygrometer eine Feuchtigkeit von über 50% ablesen würde, liefert das digitale Gerät einen exakten Wert von 51,23%. Das ist erstaunlich. Leider bedeutet dies nicht das, was viele Menschen darunter verstehen. Denn gerade weil ein so genauer Wert angegeben wird, nehmen viele an, dass die digitale Anzeige viel genauer ist, als das analoge Auslesen von Großvaters alter Wetterstation. Aber dies ist nicht zwangsläufig der Fall.

Auch wenn es sich um einen sehr guten digitalen Feuchtigkeitssensor mit einer 1,5%-igen Genauigkeit handelt, wäre ein Wert zwischen 50 bis ca. 52% gemeint. Wenn man dagegen einen etwas mäßigeren Sensor mit einer Genauigkeit von 5% nimmt, würde dies bedeuten, dass der angezeigte Wert zwischen einer tatsälcihen Feuchte von 46 bis 56% liegt. 2

Foto von Alexas_Fotos via pixabay CC0

Aber warum werden dann überhaupt zwei Stellen nach dem Komma angezeigt? Hat dies nur eine schmückende Funktion? Ja und nein. Um dies zu verstehen, müssen wir den Unterschied zwischen Genauigkeit und Auflösung verstehen – beides sind Angaben, die Sie finden werden, wenn Sie einen Datalogger oder einen Sensor kaufen.

Das, worüber wir gerade gesprochen haben, ist die Genauigkeit. Die Auflösung ist oft höher als die Genauigkeit. Ein Feuchtigkeits-Sensor kann zwar eine Genauigkeit von +/- 2% aufweisen, aber eine Auflösung von 0,1. Dies mag zunächst wie ein Widerspruch klingen, aber dem ist nicht so. Man möge sich hierzu einen kleinen Wetterfeuerzwerg vorstellen, der in der Lage ist, zu fühlen, wie feucht es ist.

Er sagt: „Es sind 52%“. Da wir nun wissen, dass dies einen Wert zwischen 50 und 54% bezeichnen kann, wird er, wenn wir ihn erneut hinaus schicken, in der Lage sein, uns zu sagen, ob es feuchter oder trockener wird als zuvor. Es wird ihm möglich sein, uns eine genauere Prognose zu geben als er dies bei der Einschätzung der allgemeinen Feuchtigkeit tun kann. Er wird sagen können: „Es wird feuchter, da es nun 52,1% sind“.

Während also die Stellen nach dem Komma hinsichtlich der allgemeinen Feuchtigkeit unbedeutend sind, können sie uns helfen, die Tendenz des Raumklimas sowie den Grad der Veränderung zu erkennen.

Wenn Sie eine halbe Stunde lang alle fünf Mintuendas Klima messen und dabei Werte auslesen wie: 52,1%, 52,3%, 52,2%, 52,1%, 52,2% und 52,1%, werden Sie andere Schlussfolgerungen ziehen, als bei einer Folge von Werten wie 52,0%, 52,2%, 52,3%, 52,4%, 52,6%, 52,8%. Während beide Zahlenfolgen nach wie vor bedeuten können, dass es allgemein 2% mehr oder weniger feucht ist als die Anzeige behauptet, zeigt die zweite Folge eine Tendenz an – dass etwas geschieht, was den Raum zunehmend feuchter macht. Verstehen Sie die Auflösung also als eine Maßeinheit, die Ihnen dabei hilft, Veränderungen zu erkennen – genauso wie Großvaters Barometer-Klopfen.

Demnächst werden wir der Frage nachgehen, ob Sensoren wirklich die Temperatur und die Feuchtigkeit in einem Raum darstellen können…

Bleiben Sie dran!

Hier geht’s zum zweiten Teil…
Angela

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Edith Harmati.

  1. Was auch der Grund dafür ist, dass Temparturanzeiger bereits für wenig Geld zu kaufen sind, während man ein kleines Vermögen in den Erwerb von guten Feuchtigkeitsmessgeräten stecken kann
  2. Fun Fact: Der prozentuale Wert, der bei Loggern +/- angegeben wird, ist nicht standardisiert. Also kann eine 5%-ige Genauigkeit bedeuten, dass der angezeigte Wert innerhalb einer Spanne von 5 Prozentpunkten liegt oder aber, dass der tatsächliche Wert vom angezeigten Wert sowohl 5% nach oben als auch nach unten abweichen kann. Sprich: Bei einer Anzeige von 51% könnte entweder eine Spanne von 48,5 bis 53,5% oder aber eine Spanne von 46 bis 56% gemeint sein. Da die meisten Hersteller von Dataloggern und Sensoren sich weigern festzulegen, was sie unter prozentualer Genauigkeit vertehen, gehe ich grundsätzlich von der schlimmeren der beiden Möglichkeiten aus.
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Objekte sind keine Ostereier und Museumsangestellte sind keine Osterhasen

Da ich in Mitteleuropa aufgewachsen bin, gehört zu meinen frühesten Ostererinnerungen das Suchen nach Ostereiern im Garten. Viele Jahre später ist eine immer wiederkehrende Aufgabe in meinem Job die Suche nach Dingen, die nicht dort sind, wo sie laut Datenbank sein sollten. Zum diesjährigen Osterfest dachte ich mir, dass ich mal etwas zu den Unterschieden schreibe:

Nach Objekten suchen ist kein Spaß

pic by OpenClipart-Vectors via pixabay (CC0)Während ein Kind, das nach Ostereiern sucht, von Freude erfüllt ist, ist beim Sammlungsverwalter bei der Objektsuche das Gegenteil der Fall. Man sucht nach einem Objekt, weil es aufgrund einer Forschungsanfrage, Ausleihe oder Ausstellung – oft dringend – gebraucht wird. Es herrscht Zeitdruck und wenn es nicht gefunden werden kann, hat das Konsequenzen. Es kann sehr viel Arbeit für andere Leute bedeuten, z.B. für AusstellungsmacherInnen, die sich ein Alternativobjekt überlegen müssen, das die gleiche Aussage transportiert. Es kann bedeuten, dass ganze Teile von Ausstellungen umorganisiert werden müssen, weil sie genau um dieses eine Objekt gestaltet waren. Es kann auch bedeuten, dass Forscher eine bestimmte Fragestellung, an der sie arbeiten, nicht beantworten können.

Objekte werden nicht absichtlich versteckt

Im Gegensatz zu Ostereiern versteckt niemand absichtlich Objekte. Während ein kleiner Teil tatsächlich gestohlen wird, gehen die meisten deshalb verloren, weil Leute es versäumen, den Datenbankeintrag zu aktualisieren oder die Standortänderung weiter zu geben (darauf haben wir in „Fehlschläge in Zahlen“ bereits einen Blick geworfen). Die Gründe sind vielfältig: Gedankenlosigkeit, Faulheit, Arroganz („Das ist nicht mein Job.“), Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, sich alles merken zu können, der Glaube, dass man etwas nur kurz herausnimmt und gleich wieder zurück stellt. Keine Eigenschaften des Osterhasen, aber von vielen Museumsangestellten.
Neulich habe ich einen weiteren Grund entdeckt, warum Standorteinträge nicht aktualisiert werden: Magisches Denken. Der Glaube, dass, nur weil es WLAN im Depot gibt und jedes Objekt einen Barcode trägt eine sagenhafte Supermacht genau weiß, wo jedes Objekt ist. Entschuldigung Leute, so funktioniert das nicht!

An allen richtigen Orten suchen

Während Ostereier oft unsystematisch gesucht werden oder man einfach an einem Punkt X im Garten anfängt und an Punkt Y endet, erfordert die Suche nach Objekten einen anderen Ansatz. Wenn Ihr Depot 3000 Quadratmeter und noch viel mehr Regalfläche hat, kann man einfach nicht alles durchsuchen. Und man kann auch nicht einfach so ins Depot gehen und mal nach dem Objekt schauen. Statt dessen ist der erste Schritt nur eine Gedankenübung. Sie denken darüber nach, was am wahrscheinlichsten mit dem Objekt passiert ist.

pic by haru9999 via pixabay (CC0)

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass da noch eines mehr war, oder?“

Der Ausgangspunkt ist der letzte Eintrag im Standortfeld. Wann war es dort und können Sie sich vorstellen, dass es in der Zwischenzeit irgendwo sonst gebraucht wurde? Eine gute Datenbank hat nicht nur ein Standortfeld, sondern auch ein Feld für das Datum der Standortänderung und eine Auflistung der bisherigen Standorte. Sie hat natürlich auch Einträge für das, was wann mit dem Objekt passiert ist: war es verliehen, musste es restauriert werden, wurde es fotografiert, wurde es zitiert… Alle diese Einträge liefern Ideen, wo man mit der Suche ansetzen könnte. Manchmal wurde das Foto nach der letzten Standortänderung gemacht – das Objekt könnte sich noch beim Fotografen befinden. Manchmal war das Objekt nach der letzten Standortänderung noch ausgestellt – möglicherweise ist es noch bei den Kisten, die beim Abbau dieser Ausstellung gepackt wurden. Andere Objekte, die auch in Vitrine X ausgestellt waren, befinden sich nun am Standort Y – möglicherweise ist das Objekt auch am Standort Y.
Nun können Sie sich eine Liste schreiben mit Leuten, die Sie anrufen sollten und Orten, an denen Sie nachsehen sollten.

Ein angemessener Einsatz der Energie

Als Kind ist es am Ostermorgen großartig, voller Energie durch den Garten zu rennen und nach den Ostereiern zu suchen. Als Museumsangestellte mit einem vollen Zeitplan und jeder Menge Aufgaben muss man sehr viel bewusster darüber nachdenken, wie man die Suche angeht. Man muss die Zeit, die man in die Suche investiert abwägen gegen die Wahrscheinlichkeit, ein Objekt zu finden.
Wenn das Objekt mit ein paar Telefonanrufen aufgetrieben werden kann, ist alles gut. Wenn das Objekt nächste Woche gebraucht wird und der letzte Standorteintrag bezieht sich auf einen Ort, der nicht mehr existiert (zum Beispiel, weil die Regale abgebaut wurden oder man aus diesem Depot schon vor 10 Jahren ausgezogen ist), ist es wahrscheinlich besser, den Wissenschaftler oder Ausstellungsmacher gleich zu informieren und sie oder ihn zu bitten, sich wenn möglich um eine Alternative zu bemühen. Wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Objekt sich in einem Stapel Kisten befindet, die Objekte ohne korrekten Standorteintrag enthalten, ist es wahrscheinlich am besten, sich durch diesen Stapel zu arbeiten und gleich alle Standorteinträge in Ordnung zu bringen – Sie sparen sich eine Menge Zeit bei zukünftigen Anfragen.

Stellen Sie sicher, dass Sie wissen, dass Sie es nicht wisssen

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind einen Platz zweimal abgesucht haben, weil Sie nicht mehr wussten, ob Sie unter diesem Baum schon geschaut hatten? Sie sollten sicherstellen, dass das nicht passiert, wenn Sie nach einem Objekt suchen. Das wichtigste ist, dass sie das Objekt gleich mit einem „Standort unbekannt“ versehen, sobald Sie merken, dass es nicht dort ist, wo es sein sollte. So weiß jeder gleich, dass das Objekt im Moment nicht zugänglich ist und kann über Alternativen nachdenken. Es hilft auch, die „Standort unbekannt“-Einträge im Blick zu haben: Wenn ihre Zahl abnimmt, leisten Sie wahrscheinlich gute Arbeit als Sammlungsmanager. Wenn ihre Zahl zunimmt, gibt es wahrscheinlich Probleme in der Sammlungsverwaltung und in der Logistikkette und Sie möchten vielleicht mal genauer hinschauen, wo der Hase im Pfeffer liegt.
Dass Sie auf ihrer Liste die Dinge, die Sie schon versucht haben, um das Objekt zu finden, abhaken sollten, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Ich hoffe, dass das einzige, was Sie gerade suchen, wirklich Ostereier sind.

Frohe Ostern zusammen!

Angela

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Dokumentation der Sammlung – Überblick

Was macht Ihre Sammlung so besonders?

Die Dokumentation der Sammlung ist neu für uns alle. Darum fangen wir ganz einfach an:

Überblick über die Sammlung

  1. Elevator Pitch: Stellen Sie sich vor, eine berühmte Persönlichkeit besucht ihre Sammlung und sie haben 30 Sekunden Zeit, ihr das wichtigste darüber mitzuteilen.
    Beschreiben Sie Ihre Sammlung in drei Sätzen. (Normale Sätze, keine wissenschaftliche-Abhandlung-fünf-Komma-Sätze). Inhalt der Sammlung, Größe, Bedeutung.

    Auf dem Gang zum Depot kommen noch ein paar höfliche Fragen. Nun haben Sie ein bißchen mehr Zeit. Bleiben Sie aber bei einem Überblick und gehen Sie nicht in die Details unterschiedlicher Sammlungskonzepte oder die Biografie des Stifters.

  2. Einordnung der Sammlung: Ist die Sammlung Teil einer größeren Museumsammlung? Wie ist sie in der Datenbank von anderen Sammlungsbereichen zu unterscheiden (z.B. Inventarnummer, Klassifizierung, …)?
  3. Bedeutung der Sammlung: Wie bedeutend ist die Sammlung im Verhältnis zu anderen Sammlungen des Museums? Gibt es ähnliche Sammlungen in anderen Museen? Wie bedeutend ist ihre Sammlung im Verhältnis zu diesen Sammlungen? Was unterscheidet diese Sammlungen voneinander?

Maria Scherrers

Maria Scherrers ist Museumswissenschaftlerin mit Abschlüssen der HTW Berlin und der University of Leicester. Sie hat fast ihr gesamtes bisheriges Arbeitsleben in Firmenmuseen und -Sammlungen gearbeitet. Es fasziniert sie, wie sehr Unternehmen mit ihren Marken unseren Alltag und damit unsere Kulturgeschichte verändern. Inzwischen berät Sie Unternehmen dabei, ihre historischen Produktsammlungen aufzubauen und nutzen.
In ihrer Freizeit verbringt Maria Scherrers viel Zeit mit ihrer Familie und engagiert sich politisch.
www.historicalassetmanagement.de

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Was nicht auf den Karteikarten steht – Die Dokumentation der Dokumentation

Dokumentieren was man wie und warum getan hat hilft dem zukünftigen Ich.

Sammlungsarbeit ist mehr als Standort- und Objektinformationen in einer Datenbank. Manchmal realisieren wir gar nicht, was noch alles dazu gehört. Doch dann geht ein wichtiger Kollege und wir sitzen da und müssen uns die einfachsten Antworten aus verschiedenen Quellen zusammenpuzzeln, weil wir ihn nicht mehr einfach fragen können.

Wie oft habe ich mir gewünscht vor 20/50/80 Jahren hätte einer meiner Vorgänger aufgeschrieben, was er macht, warum er es gemacht hat und wie er es gemacht hat. Wäre es nicht toll, wenn wir wüssten was die sprechende Inventarnummer eigentlich sagen will, wer diesen Teil der Sammlung so extrem gründlich und detailliert auf Karteikarten dokumentiert hat oder wann und wo dieser Teil der Sammlung im Laufe der Jahre gelagert war?

Wäre es nicht auch schön, wenn wir neuen Mitarbeitern ein Heftchen mit allen wichtigen Informationen in die Hand drücken könnten, damit sie nicht immer wieder diesselben Fragen stellen müssten?

In den nächsten Wochen möchte ich Fragen veröffentlichen, die jeder Sammlungsmanager oder Registrar sich selbst stellen sollte. Denken Sie an all die Leute, die nach Ihnen in dieser Sammlung arbeiten werden. Sie werden es Ihnen danken!

Folgende Themenblöcke werden in diesem Fragebogen behandelt werden:

  1. Sammlungsüberblick
  2. Geschichte der Sammlung
  3. Sammlung und Sammlungskriterien
  4. Dokumentation und Schreibanweisungen
  5. Digitalisierung und Objektfotografie
  6. Verwendung der Sammlung
  7. Lagerung und Konservierung
  8. Pläne und Entwicklungsmöglichkeiten

Viel Spaß damit!

Maria Scherrers

Maria Scherrers ist Museumswissenschaftlerin mit Abschlüssen der HTW Berlin und der University of Leicester. Sie hat fast ihr gesamtes bisheriges Arbeitsleben in Firmenmuseen und -Sammlungen gearbeitet. Es fasziniert sie, wie sehr Unternehmen mit ihren Marken unseren Alltag und damit unsere Kulturgeschichte verändern. Inzwischen berät Sie Unternehmen dabei, ihre historischen Produktsammlungen aufzubauen und nutzen.
In ihrer Freizeit verbringt Maria Scherrers viel Zeit mit ihrer Familie und engagiert sich politisch.
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Größere und kleinere Dinge

CoverVor etwa eineinhalb Jahren fragte mich mein Lektor bei Rowman & Littlefield, ob ich Interesse daran hätte, eine Neuauflage meines Buches Things Great and Small: Collections Management Policies (Große und kleine Dinge: Richtlinien für Sammlungsmanagementkonzepte) vor zu bereiten. Da die erste Auflage 2006 erschienen war, war ein Update des Buches längt überfällig und so sagte ich natürlich ja (ich wollte die zweite Auflage Größere und kleinere Dinge nennen, was aber leider nicht geschah).

Als ich mit dem Projekt begann wurde mir erst klar, wie viel sich in der Museumsarbeit seit 2006 geändert hat, besonders die Menge der Informationen und wie wir dazu Zugang haben. Nachdem ich einen ganzen Berg von neuen Büchern, Zeitschriftenartikeln und Online-Diskussionen durchgesehen hatte, war ich ganz erschlagen davon, wie viel mehr Material jetzt zugänglich ist, verglichen mit der Zeit der ersten Auflage. Ich erinnerte mich an den Anfang meiner Museumslaufbahn – das war allerdings schon im Pleistozän, auch als 70er Jahre bekannt – damals gab es sehr wenig Museumsliteratur und es gab keinen Zugriff auf Internet-Ressourcen (weil es noch kein Internet gab). Der einzige Weg einen Kollegen um Rat zu fragen, war der, ihn an zu rufen (und damals zahlte man noch für jedes Telefonat) oder man wartete, bis man bei dem einen oder anderen Treffen dem Kollegen begegnete.
Die große Bandbreite an Druckwerken und Netzressourcen die heute leicht zugänglich sind und die Möglichkeit unmittelbar mit einer Gruppe von Spezialisten in Verbindung zu treten, sei es durchs Handy, durch E-Mail oder mittels Diskussionsgruppen im Netz, haben das ganze Umfeld beträchtlich verändert und zwar sehr zum Besseren.

Wenn ich erwähnte, dass ich eine Neuauflage des Buches vorbereite, wurde ich in der Regel gefragt, was ich denn ändern wolle. Tatsächlich gibt es viel Änderungen, beginnend damit, dass ein großer Teil des Textes umgeschrieben, einige neue Abschnitte eingefügt und auch ein paar Fotos der revidierten Fassung beigefügt wurden. Die Themen Deakzessionierung und Urheberrechte wurden auf den neuesten Stand gebracht und erweitert und ein neues Kapitel über Digitale Sammlungen eingefügt. Der Anhang mit Gesetzestexten und Gerichtsurteilen wurde revidiert und die Bibliographie erweitert. Die zweite Ausgabe spiegelt auch den Wandel unseres Denkens über die Normen für Sammlungsbetreuung und Depots.
Einige Informationen zum Sammlungsmanagement von Zoos und botanischen Gärten wurden hinzugefügt und auch für die Betreuung kultursensitiver Sammlungen. Eine der auffälligsten Änderungen ist die, dass die Beispiele aus real existierenden Sammlungen durch Musterpolicen erfundener Institutionen ersetzt wurden. Da die Beispielpapiere in der ersten Ausgabe alle von wirklichen Museen stammten, war ihre Anwendbarkeit in anderen Situationen und bei anderen Fällen begrenzt und außerdem waren sie inzwischen meist überholt. Wenn ich auch die Leser der ersten Ausgabe davor gewarnt habe, irgendetwas zu kopieren und empfohlen habe, besser eigene Richtlinien zu schreiben, brauchten doch die meisten Nutzer etwas, wovon sie ausgehen konnten. So bietet die neue Ausgabe nun Modelle, von denen ausgegangen werden kann.

Gute Sammlungsmanagementkonzepte sind die Grundlage einer großartigen Sammlung.

Die neue Ausgabe enthält auch viel von dem was ich von den Lesern gelernt habe. Feedback erhielt ich vor allem bei Workshops, in Unterrichtsstunden und bei Webinars und auch von Leuten, die sich die Zeit nahmen, mich wissen zu lassen, was sie über das Buch dachten. Es ist etwas entmutigend, aber immer lehrreich, das eigene Buch in einer Klasse zu verwenden und dann zu beobachten, wie sie interpretiert, was man gesagt hat.

Wenn das Festlegen eines Sammlungskonzeptes und Regeln zum Umgang mit Sammlungsgut auch sehr wichtig sind, muss ich doch zugeben, dass das Erarbeiten der jeweils zutreffenden Regeln, nun, sagen wir, langweilig sein kann. Um da eine Hilfe zu geben, habe ich ein Spiel entwickelt, das die Neuausgabe von Things Great and Small begleiten wird. Ich nenne das Spiel Monopolicies (Sie dürfen raten, welches Spiel mich inspirierte) und nach einigen Beta-Versionen ist es jetzt fast für die Veröffentlichung fertig. Meine Vorstellung war, dass man statt der trockenen und endlosen Diskussionen mit Kollegen über die Gestaltung des Sammmlungsmanagements ihrer Institution dies in einer entspannteren Atmosphäre tun könnte, während man Spaß hat bei einem Spiel. Monopolicies wird im frühen Frühjahr als kostenloser Download erhältlich sein – halten Sie danach Ausschau! (Neu am 4.2.2018: Es ist jetzt hier erhältlich: http://www.museumstudy.com/courses/course-list/monopolicy/ )

Things Great and Small ist jetzt beim Verleger und im Buchhandel erhältlich: (https://rowman.com/ISBN/9781933253039/Things-Great-and-Small-Collections-Management-Policies)

John E. Simmons
Museologica
und
Sammlungsmitarbeiter (Earth and Mineral Sciences Museum & Art Gallery, Penn State University)

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

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Wie katalogisiert man eine Smartphone-App?

von Paul Rowe

Some app symbolsMuseumssammlungen bestanden bisher aus physisch greifbaren Objekten, wobei der Bogen weit gespannt war, von Käfern zu Kunstwerken, von Büchern zu ganzen Archiven. Fotosammlungen bestanden aus analogen Werken – den Negativen oder Abzügen der Fotos. Die Neuzugänge der Museen bestehen aber zunehmend aus ursprünglich digitalen Arbeiten, wie Fotos, die mit einer Digitalkamera aufgenommen wurden oder Filmen, die mit dem Smartphone festgehalten wurden.

Auf unserem Nutzer-Forum bat vor kurzem jemand um Rat, wie eine Smartphone-App katalogisiert werden solle. Wie passen digital erstellte Arbeiten in den traditionellen Dokumentationsprozess der Museen? Und was fängt man mit komplexeren Erwerbungen wie einem Software-Paket oder einer App an?

Hier finden Sie in paar allgemeine Hinweise für die Inventarisierung genuin digitaler Objekte, zusammen mit ein paar Tipps für Multimediamaterial, das sie vielleicht in analoger Form haben (z. B. Spulen mit Filmen).

Verlinken Sie die Quelldateien

Wenn Sie originär digitale Arbeiten inventarisieren/katalogisieren, dann sollten Sie die Quelldateien direkt mit dem Katalog verbinden. Das wäre zum Beispiel ein hochauflösendes Foto oder auch kleinere, reduzierte Bilder, wenn das System das erlaubt. Bei einer Smartphone-App könnten es Standbilder der Benutzeroberfläche sein oder ein Trailer/Hilfevideo der App.

Vielleicht kann man auch eine Webadresse für das digitale Material verlinken, zum Beispiel zum GitHub Quellcode oder zur Wikipedia-Seite, die ein komplexeres digitales Element wie eine Smartphone-App beschreibt.

Viele Systeme erlauben auch einen automatischen Import der Metadaten der gelinkten Dateien, sodass man das Entstehungsdatum mit weiteren Details hat und ebenso Hinweise auf die nötigen Geräte, die Größenordnung und die Laufzeit.

Die genormten Katalogfelder benützen

Viele der Felder, die für traditionelle Sammlungen benützt werden, sind auch für Multimediamaterial geeignet, einschließlich genuin digitalem Material. Typische Felder, die genutzt werden können, sind zum Beispiel:

Objekt: Einfache Beschreibung, um welche Art von Material es sich handelt, z.B. Hörbuch, Smartphone-App
Maße: Wenn man die Abspieldauer nicht direkt in den Metadaten hat, dann sollte sie zusammen mit der Dateigröße im Katalog angegeben werden.
Größenkategorie: Analoges Filmmaterial wird meist in standardisierten Blechdosen verwahrt; deren Größen könnten als Standardkategorien im System angelegt werden.
Wiedergabemedien: Beschreibe die Ausrüstung, die benötigt wird, um die Aufnahme wieder zu geben oder die App zu nutzen.
Format: z.B. Digital Video Diskette, 35mmFarbfilm, iOS app
Ton: z.B. Dolby 5.1
Farbe: Technicolor
Maßstab: z.B. 4:3 oder 1200px x 900px.
Zeitangaben: Man kann die Anfangs- und Endzeit von Sequenzen oder Episoden notieren. Jede Anfangs- und Endzeit sollte einen Titel haben oder eine Beschreibung des Clips.
Besondere Merkmale: Auch Informationen zu einem kommerziellen Filmverleih oder besondere Eigenschaften eines Softwarepakets oder einer App sollten festgehalten werden.
Technische Details: alle wichtigen technischen Details wie die DVD Zone oder die Videokompression sind fest zu halten.

Medium oder Titel

Große Audio- oder Videosammlungen enthalten oft mehrfache Kopien der selben Aufnahme. Jede Kopie wird oft als Medium bezeichnet. Ein Beispiel wäre ein Film, den die Organisation als 16mm Originalkopie hat, aber auch als analoge VHS- und digitale DVD-Kopie für die Ausleihe.
Bei großen Katalogen kann es nützlich sein, die Aufnahme zu splitten, einerseits in die eigentliche Titelaufnahme und diese dann andererseits mit den Aufnahmen für die verschiedenen Medien zu verlinken. Die Titelaufnahme hält die inhaltliche Beschreibung fest (den Titel, den Urheber, wann und wo die Arbeit entstand). Die Aufnahmen für die einzelnen Medien halten die Details der Kopien fest (ihr Format, wo sie aufbewahrt werden, zu welchem Leihvorgang sie gehörten und welche Restaurierungsarbeiten ausgeführt wurden). Dies ist eine komplexere Struktur und nur nötig, wenn eine größere Anzahl von Duplikaten zu verwalten ist.

Vernon CMS

Dieser Artikel entstand als Antwort auf eine Frage, die an Vernon CMS gestellt wurde, die Katalogisierung einer App betreffend. Unsere Hinweise können bei vielen ähnlichen Katalogsystemen berücksichtigt werden. Über das Sammlungs-Management-System von Vernon erfahren Sie mehr auf der Vernon Systems website.

Paul Rowe ist CEO bei Vernon Systems, einer Softwarefirma aus Neuseeland. Vernon Systems entwickelt Software für Organisationen, die ihre Sammlungen registrieren, interpretieren und zur Verfügung stellen wollen. Paul interessiert sich besonders für Systeme auf Web-Basis in Museen und die Zunahme des öffentlichen Zugangs zur Museumsdokumentation. Manchmal kann man ihn beim Höhlenwandern sehen.

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

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Was soll das sein: Linked Data?

Von Richard Light

PenClipartVectors via pixabay (CC0)Es kann sein, dass Ihnen schon einmal jemand begegnet ist, der (wie ich) enthusiastisch dafür plädiert hat, die Museumssammlung in der Form von Linked Data zu publizieren.
Ihre Reaktion war dann möglicherweise mit den Schultern zu zucken, zu sagen “ich weiß nicht was das ist und ich weiß nicht wie man das macht“, um sich dann der Inventarisierung und Verwaltung der eigenen Sammlung zu zu wenden.

Dieser Beitrag versucht aus kulturhistorischer Sicht zu erklären „was Linked Data sind“, welche Möglichkeiten sie bieten und warum es im Augenblick noch sehr schwierig ist, sie anzuwenden.

Das Internet als dezentrale Datenbank

Wir alle wissen, wie das Internet funktioniert. Man findet eine Seite mit Informationen, die einen interessieren, dorthin gelangt man in der Regel über eine wohlbekannte Suchmaschine. Diese erste Seite mit Suchergebnissen enthält eine Menge Links zu relevanten Seiten und man klickt einfach auf die Seiten, die einem selbst wichtig erscheinen. Auf jeder neuen Seite gibt es weitere Links, denen man folgen kann. Wenn man viel Glück hat kann das damit enden, dass man sich im Kreis bewegt. Diesen Vorgang bezeichnet man als browsen (blättern) im Internet. Das ist gut, solange es darum geht, Informationen nach zu schlagen und zu lesen, eine Seite nach der anderen.

Wenn man diese Seiten aber als Datensatz nutzen möchte (zum Beispiel, um Hintergrundinformationen zu einem Katalogeintrag hin zu zu fügen), dann stößt man rasch an Grenzen. Man kann eine (oder alle) der Webseiten mit copy und paste in die eigene Dokumentation einfügen. Aber schließlich wird man entweder eine ärgerliche Anzahl von HTML Auszeichnungen zusammen mit dem Text in den eigenen Daten haben, oder die Auszeichnungen verschwinden und aller Text wird irgendwie zusammengeschoben. In keinem Fall kann man erwarten, aus Webseiten Daten so zu extrahieren, dass sie mit dem eigenen Inventarisierungsprogramm kompatibel sind.

Auch Linked Data funktioniert wie Webseiten. Der große Unterschied ist aber, dass jede „Seite“ eine Art Datenbankeintrag ist. Man kann von einer Linked Data Seite zur nächsten blättern, so wie man zwischen Webseiten blättert. Im Endeffekt ist das Linked Data Netz eine lose verbundene Datenbank, die das ganze Internet umfasst.

URLs Nutzen um Begriffe zu definieren

Linked Data, das ist etwas, das wir nutzen können, um die Gesamtheit der Dinge, die die Welt des kulturellen Erbes ausmachen darzustellen. Es um fasst Personen, Orte, Ereignisse … und Objekte. Ein zentrales Merkmal der Arbeit mit Linked Data ist, dass jeder Begriff seine eigene unverwechselbare Kennung hat. Das ist seine Internetadresse (URL), die genau den gleichen Regeln folgt, die auch Webseiten eindeutig identifizieren.
Das zum Beispiel ist die Kennung einer Person aus dem Künstlernamen Thesaurus des Gettymuseums (ULAN) als Linked Data:
http://vocab.getty.edu/ulan/500077287
Wenn man diese URL im Browser eingibt, so erscheint eine etwas fremd anmutende Webseite, die alle über diese Person bekannten Fakten auflistet. Die Überschrift macht deutlich, dass es sich um John Gerald Patt handelt, was aus der URL nicht erkenntlich ist.

So weit, so gut, nichts Aufregendes – aber hier beginnt nun der Zauber der Linked Data. Wenn man auf einem anderen Weg die gleiche URL eingibt, dann bekommt man die dahinterstehenden Daten zurück. Ich übergehe jetzt den genauen Weg dahin1 und die technischen Details der Daten2 und stelle nur vor, wie es aussieht. Das ist ein Teil der XML-Version von John Gerald Patts Daten:

Dieses Fragment listet die verfügbaren biographischen Daten auf. Der springende Punkt ist, dass jedes biographische Faktum seine eigene Linked Data URL hat, die man dann nachschlagen kann. Zum Beispiel zeigt:

http://vocab.getty.edu/ulan/bio/4000231223

Dieses bibliographische Fragment enthält einige echte Fakten: 2 Daten und eine summarische Beschreibung. Ebenso gibt es URLs für John Gerald Patts Geschlecht und seinen Geburtsort, die man finden und die Daten übernehmen kann. Sie werden bemerkt haben, dass die Daten aus unterschiedlichen Thesauri des Gettymuseum stammen: das Geschlecht findet sich im AAT (Art and Architecture Thesaurus) und der Geburtsort im TGN (Thesaurus of Geographic Names). Das ist ein gutes Beispiel für den Umgang mit Linked Data: schon existierende Strukturen verwenden, um die Dinge auszudrücken, zu denen man etwas beitragen möchte und nicht neue erfinden.
Das wirklich erfreuliche, wenn man die Linked Data URLs in den eigenen Unterlagen benutzt ist, man bekommt zusätzliche Informationen „umsonst“. Wenn man, zum Beispiel, einen Geographiethesaurus wie Geonames 3 benutzt, dann erhält man für jeden Ort auch die geographischen Koordinaten, das heißt man kann Verteilungskarten voller Pins erstellen und es braucht dafür nur ein klein wenig Programmierarbeit.

Die eigene Sammlung als Linked Data veröffentlichen

Kehren wir also zu meinem anfänglichen Vorschlag zurück, die Informationen zu Ihren Objekten als Linked Data zu veröffentlichen. Es gibt zwei gute Gründe das zu tun: man beansprucht schon mal einen Platz für das eigene Material in der Welt der Linked Data, und man stellt eine API zur Verfügung, die andere nutzen können, wenn sie Zugang zu ihren Daten haben möchten. Ich konnte einen Versuch für Museenm in England starten und einige der Museen haben die Gelegenheit genutzt4.

Aber, worauf ich am Anfang auch hingewiesen habe, es gibt auch gute Gründe, die Sammlung nicht mit Linked Data zu veröffentlichen. Drei sind augenfällig: ich wette darauf, dass Ihr Datenbanksystem keine Unterstützung für die Eingabe von Linked Data URLs bietet; auch kann die Umgebung der Software für Veröffentlichungen im Internet Linked Data nicht nutzen, um die Webpräsenz zu verbessern und (vielleicht am wichtigsten) es fehlt noch an der Struktur bei Linked Data für die Begriffe, über die wir nun Informationen teilen wollen: Leute, Orte und Ereignisse.

Ich werde auf diese Dinge in zukünftigen Beiträgen detaillierter eingehen, in der Zwischenzeit freue ich mich darauf, auf Ihre Kommentare und Fragen zu antworten.

Richard Light ist ein Informatiker und Softwareentwickler aus England und hat sich fast sein ganzes Berufsleben lang mit Museums-Informations-Systemen beschäftigt. Er war an der Digitalisierung des Sedgwick Museums in Cambridge beteiligt, als es noch Lochstreifen und Großrechner gab und dann erarbeitet er für die Museum Documentation Association (heute: Collections Trust) Datenstandards und Datensysteme. Seit 1991 ist er selbständiger Berater im Bereich des Kulturerbes mit dem Schwerpunkt auf Markup-Sprachen und Linked Data. Er ist der Vorsitzende von Free UK Genealogy5 und besucht regelmäßig die Treffen von CIDOC6: etwas, das jeder, der in der Museumsdokumentation arbeitet tun sollte!

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

  1. Man braucht den Kopfdatensatz der HTTP-Header-Felder
  2. Es ist RDF (Resource Description Framework, sinngemäß „System zur Beschreibung von Ressourcen“) ein Datenmodell, das auf gerichteten Graphen basiert: https://www.w3.org/RDF
  3. z.B. http://sws.geonames.org/7298484/about.rdf
  4. z.B. http://collections.wordsworth.org.uk/Object/WTcoll/id/rdf/GRMDC.C144.9
  5. http://www.freeukgenealogy.org.uk/
  6. http://network.icom.museum/cidoc/
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Quecksilber – eine Geschichte von der Bedeutung einer guten Dokumentation

Es ist eine merkwürdige Sache. Immer einmal taucht das Problem der gefährlichen Substanzen in unseren Sammlungen auf, aber als menschliche Wesen neigen wir dazu, nicht daran zu denken, denn wir sind der Meinung, diese Gefahren gibt es – natürlich – aber wir sind uns sicher, dass wir unsere eigene Sammlung kennen und dass wir auf der sicheren Seite sind, wenn wir uns an unsere Sicherheitsvorschriften halten.
Als bei einer Schadstoffanalyse in einem unserer Depots Quecksilber in der Luft gefunden wurde war ich geschockt und sehr überrascht. Natürlich wusste ich, dass wir in unserer Sammlung Quecksilber hatten. Wir besitzen schließlich eine Sammlung von Thermometern und Quecksilber-Schaltern. Aber bis zu jenem Tag hielt ich unsere Handlungsanweisungen und unsere Vorsichtsmaßnahmen für ausreichend sicher. Dieses Quecksilber war alles gut verwahrt, nicht wahr? Aber wir hatten nicht an andere Quecksilberquellen gedacht, offene Quellen, die sich in unserer Sammlung verbargen.

Offene Quellen entdecken und was man daraus lernt

Musikautomat mit offener Quecksilberquelle im Inneren (entschuldigen Sie die schlechte Bildqualität).

Musikautomat mit offener Quecksilberquelle im Inneren (entschuldigen Sie die schlechte Bildqualität).

Als wir begannen unsere Sammlung mit der Lupe „Quecksilber?“ zu durchsuchen stießen wir auf eine Reihe von Objekten, an die wir nie gedacht hatten. Es kam heraus, dass es einen Musikautomaten gab, der mit Kontakten arbeitete, die in Quecksilberbehälter tauchten. In der Medizinhistorischen Abteilung gab es Geräte, die mit offenem Quecksilber Thrombozyten im Blut messen. Wie klein auch immer, da Quecksilber bei Raumtemperatur verdampft sind auch kleinste Öffnungen ein Problem. Es gab Barometer und selbst Chronometer mit offenen Quecksilberquellen. Es bedurfte einer ziemlichen Anstrengung, heraus zu finden, wo sie alle waren. Und einer noch größeren, um das Quecksilber entweder zu entfernen oder zu versiegeln und die kontaminierten Objekte entsprechend zu beschriften.

Dabei lernten wir eine ganze Menge:

  • Glaube nie, dass Du alles über Deine Sammlung weißt
  • Glaube nie, dass die Richtlinien und Handlungsanweisungen jeden Aspekt abdecken
  • Glaube nie, dass alles in Ordnung ist – und habe ein Auge auf die Forschung

Das Wichtigste aber war die Lektion, die wir über die Bedeutung einer guten Dokumentation lernten – wenn auch auf unbequemem Weg.

Alles Expertenwissen vorhanden – und trotzdem…

Aus der Rückschau sieht man: wenn jemand die Arbeitsweise dieser Objekte gründlich genug studiert hätte, dann hätten er oder sie entdeckt, dass sie Quecksilber brauchten um zu funktionieren. Wir wissen nicht, ob es zum Zeitpunkt der Erwerbung im Museum jemanden gab, der das wusste. Zumindest erwähnte derjenige, der das Objekte inventarisierte das Quecksilber in der Dokumentation und im Katalogeintrag nicht.
Der aus unverbundenen Abschnitten bestehende Arbeitsprozess ist wohl die wirkliche Gesundheitsgefahr! Wenn wir uns die Gegebenheiten in einem klassischen Museum ansehen, dann gibt es unterschiedliche Personen mit unterschiedlichem Wissen, die den Dokumentationsprozess betreiben.
Es sind Leute, deren Fähigkeiten wunderbar zusammenpassen, aber ihr Wissen ist nutzlos, wenn es im Workflow nicht verbunden wird:

Quecksilberkontakte im Innerene des Musikautomaten.

Quecksilberkontakte im Innerene des Musikautomaten.

Der Konservator wusste vielleicht sehr gut, dass Quecksilber nötig war, damit das Objekt funktionierte, aber er machte sich möglicherweise keine Gedanken darüber, dass Quecksilber problematisch ist. Der Restaurator hat auf Grund seine Ausbildung vertieftes Wissen über gefährliche Substanzen, aber nicht über das Objekt und wenn es in gutem Zustand ist, bekommt er es eventuell auch gar nicht zu Gesicht, bevor es eingelagert wird. Aber auch wenn er oder sie es vor der Einlagerung kontrolliert – das Quecksilber kann im Inneren versteckt sein und so realisiert er die Gefahr nicht. Der Sammlungs-Verwalter weiß einiges über gefährliche Substanzen aber nichts über den Gegenstand und wird die Gefahr nicht erkenennen, wenn es sich nicht um eine in seinem Beruf häufige Gefahr handelt (wie bei Arsen bei Tierpräparaten). Der Verantwortliche für die Datenbank weiß zwar, wie man gefährliche Substanzen in der Datenbank auffindbar machen kann und wird vielleicht sogar wissen, wie man sie richtig kennzeichnet, aber auch hier: er oder sie hat keine Kenntnis des Objekts, er oder sie weiß nicht, dass es da ein Problem gibt.
Alle diese Experten arbeiten für die gleiche Institution aber wenn sie das Objekt nicht zusammen bearbeiten und dabei ihr Wissen einbringen, dann können sie sehr leicht eine Gefahr übersehen und Kollegen, spätere Forscher und Besucher einem Gesundheitsrisiko aussetzen.

Die Bedeutung der Fachkenntnis beim Katalogisieren

Es ist offensichtlich, wie gefährlich es ist, wenn die Person, die den Katalogeintrag verfasst
keine in die Tiefe gehenden Kenntnisse der Objekte hat. Es gibt in den Museen die Tendenz zu glauben, dass das Inventarisieren eine Aufgabe sei, die „irgendjemand“ erledigen könne. Wissen ist nicht wichtig, jeder Praktikant kann eine Beschreibung und ein paar Maße herunterklopfen, nicht wahr? Natürlich wissen wir alle, dass das Blödsinn ist, aber dagegen zu halten ist harte Arbeit. Es ist schwer zu vermitteln, welche Schäden es heraufbeschwört, wenn Daten, Maße und Zuordnungen nicht korrekt sind. Bei gefährlichen Substanzen sollte die Gefahr offensichtlich sein: wenn jemand den Katalogeintrag verfasst, der nicht genügend Wissen hat um zu verstehen, wie das Ding funktioniert, wird er vermutlich auch die Gefahrenpunkte übersehen und bringt daher die Kollegen und Besucher in Lebensgefahr.

Wenn der Konservator den Eintrag aus guten Gründen nicht selbst vornehmen kann (und wohlgemerkt: zu faul, zu alt, zu beschäftigt um zu lernen wie das geht ist kein guter Grund, jedenfalls nicht aus meiner Sicht!) dann sollte er sein Wissen zu dem Objekt dem oder derjenigen mitteilen, die den Katalogeintrag dann macht.

Wie man es besser macht

Quecksilberhaltiges Objekt, korrekt nach internationalen Standards beschriftet.

Quecksilberhaltiges Objekt, korrekt nach internationalen Standards beschriftet.

Es gibt einige Dinge, die man tun kann, um unerfreuliche Überraschungen zu vermeiden.:

  1. Wenn ein Objekt erworben wird, sollte man sich mit allen in Verbindung setzten, die in den Erwerbungsprozess eingebunden sind. Alles Expertenwissen an einem Tisch wird es möglich machen, so viel Gefahren als möglich zu entdecken.
  2. Wenn man nur ein EinMann-/ EinFrau-Museum ist, dann sollte man Experten aus der Gegend, aus dem regionalen Museumsverband oder auch internationale Experten über Mailinglisten und Online-Gruppen nach möglichen Gefahrenquellen bei der neuen Erwerbung fragen.
  3. Wenn die Gefahrenquelle neu ist definiert man Sicherheitsvorschriften für Handhabung und Lagerung. Wenn die Gefahr schon länger bekannt ist sollte mach sich vergewissern, dass Handhabung und Lagerung noch dem neuesten Stand der Forschung entsprechen.
  4. In der Datenbank: sicherstellen, dass das gefährliche Material benannt wird. Idealerweise hat man einen Thesaurus gefährlicher Substanzen zur Auswahl, der verlinkt ist mit Sicherheitsvorschriften und korrekten Beschriftungen.
  5. In der Datenbank: sicherstellen, dass ein Objekt mit gefährlichen Substanzen klar von anderen Objekten zu unterscheiden ist, sodass jeder wahrnimmt, dass hier besondere Handhabungs- und Lagerungsbedingungen zu berücksichtigen sind.
  6. Im Depot: gefährliche Substanzen den Internationalen Vorschriften entsprechend beschriften.
  7. Im Depot: gefährliche Substanzen den Internationalen Vorschriften entsprechend lagern. Das kann bedeuten, dass besondere Behältnisse zu verwenden sind oder Räume mit einem Ventilationssystem und deutlich auf dem Behälter angebrachten Anweisungen für die Handhabung.

Leben Sie lange und gesund!
Angela Kipp

Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche von Brigitte Herrbach-Schmidt.

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